"Wo es um Männer geht, entwickelt die Medizin sich rasanter"
- Delna Antia-Tatić
- 26. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Beipackzettel nach Geschlechtern und mehr Fokus auf Endometriose: Beate Prettner will Gendermedizin in die Praxis bringen. So wurde ganz Kärnten 2021 zur Modellregion für Gendermedizin. Ein Pionier-Projekt, doch für die Politikerin hagelte es zunächst Kritik. Warum der Gender-Begriff oft für Abwehr sorgt und wie die Modellregion gerade Frauen nützt, erzählt die Kärntner Landesrätin für Gesundheit.
Interview von Delna Antia-Tatić
2021 wurde das Bundesland Kärnten zur Modellregion für Gendermedizin und gilt seither als Pionierprojekt. Doch was bedeutet das eigentlich – und wie kam es dazu? femFATAL hat bei der Initiatorin Beate Prettner nachgefragt. Die SPÖ-Politikerin ist Landesrätin für Gesundheit in Kärnten.
femFATAL: Seit 4 Jahren ist das Bundesland Kärnten eine Modellregion für Gendermedizin. Politisch haben Sie das Thema aber schon früher vorangetrieben. Warum setzen Sie sich eigentlich so dafür ein?
Beate Prettner: Das hängt mit meiner Geschichte zusammen. Ich bin selbst Ärztin und hatte im Studium das Fach Gynäkologie gewählt. Damals war das in Kärnten noch ein sehr Männer dominiertes Fach. Die erste weibliche Gynäkologin gab es hier erst 1989. Außerdem konnten sich Frauen damals nur von einer Frau behandeln lassen, wenn sie eine Privatärztin aufsuchten. Das musste man sich also leisten können. Dieser Umstand war der Ursprung, warum ich politisch tätig geworden bin. Die Gendermedizin ist später als Schwerpunkt hinzugekommen. Österreich hat ja mit zwei Lehrstühlen in Wien und Innsbruck das Thema wissenschaftlich schon früh vorangetrieben hat, aber die Umsetzung in die Praxis blieb aus.

Die Modellregion soll genau das leisten. Was ist Ihre Vision?
Dass wir Gendermedizin in den Krankenanstalten verankern und dass alle Personen, die einen Gesundheitsberuf erlernen, auch auf die Unterschiede der Geschlechter eingehen können und danach behandeln. Denn die Medizin der letzten Jahrhunderte war sehr Männer dominiert und erforscht. Wir müssen nun den Fokus auf Frauen richten. Sie machen immerhin 51 Prozent der Bevölkerung aus. Es hat sich zwar viel getan, trotzdem wird weiblichen Themen immer noch weniger Beachtung geschenkt. Ein gutes Beispiel dafür ist die DaVinci-Operationsmethode. Das ist eine Roboter-Chirurgie, die ein Zittern oder Zucken des Arztes ausgleicht. Sie wird in vielen Bereichen angewendet, hauptsächlich aber in der Urologie, weil es dort um sehr feine Schnitte geht. Für mich ist das ein Synonym dafür, dass dort, wo es um Männerthemen geht, die Medizin sich rasanter entwickelt als bei Frauenthemen. Bei der Erforschung und Therapie von Endometriose gibt es keine irrsinnigen Fortschritte.
Wie funktioniert die Modellregion denn ganz genau?
Auch wenn wir in Kärnten keine Medizin-Universität haben, bilden wir in unserer Fachhochschule Gesundheitsberufe aus. Hier schauen wir nun, dass in jedem Lehrgang Gendermedizin miteingebaut wird. Dasselbe gilt für die Ausbildung an den Kärntner Pflegeschulen. Zusätzlich haben wir im letzten Jahr einen Diplomlehrgang für Gendermedizin ins Leben gerufen, den wir Kärntner Ärzt:innen finanzieren. Sie kommen aus verschiedenen Fachrichtungen, sowohl aus Krankenanstalten, aber auch aus dem niedergelassenen Bereich. Nach dem Abschluss werden diese Ärzt:innen für uns als Gendermedizin-Botschafter:innen das Thema forcieren. Und die dritte Säule der Modellregion ist ein Bewusstsein in der Bevölkerung und Öffentlichkeit aufzubauen.
Wie kommt dieses Engagement an?
Ich muss zugeben, dass der Zeitpunkt der Gründung durchaus ein spannender war. Wir haben 2021, in der Hochphase der Pandemie, die Modellregion bei einer Pressekonferenz präsentiert. Aber es hagelte Kritik: „Na hat die denn keine anderen Sorgen als die Gendermedizin.“ Unsere Initiative wurde sehr abwertend beurteil. Damals ist mir klar geworden, es gibt immer etwas wichtigeres als Frauenthemen.
„Frauenherzen schlagen anders“ ist der Slogan in Kärnten. Was verbirgt sich dahinter?
Es war das erste Thema der Gendermedizin: Man erkannte schon früh, dass Frauen bei einem Herzinfarkt schlechtere Chancen haben als Männer. Einfach deswegen, weil sie andere Symptome haben und daher zu spät behandelt wurden. Ärzte gingen von den männlichen Anzeichen aus. Für Frauen kann das lebensentscheidend sein. Mittlerweile ist dieser Unterschied sehr bewusst. Es gibt aber auch andere Themen, die dringendst überdacht werden müssten. Etwa die Verabreichung von Schlafmitteln. Die Dosierung basiert auf Studien an Männerkörpern. Bei Frauen kommt es leichter zu Überdosierungen, sie haben länger einen Hang-Over und es hat sich gezeigt, dass es sogar häufiger zu Unfällen durch Frauen am Vormittag gekommen ist. Was naheliegend ist, denn eine weibliche Leber ist kleiner als eine männliche. Daher bräuchte es Beipackzettel, die nach Männern und Frauen unterscheiden. In den USA wird bereits unterschiedlich dosiert. Ein weiteres Thema, das mir sehr zu Herzen geht, sind Frauen, die an Endometriose leiden. Eine Erkrankung, die nur Frauen haben können. Es gibt aber viel zu wenig Wissen darüber. Hier muss man einen Fokus setzen.
Welche Erfolge sehen Sie heute?
Wir schaffen Öffentlichkeit für Gendermedizin als Thema, das freut mich. Es kommen sogar Anfragen aus Deutschland und Südtirol, die an der Modellregion interessiert sind. Auch aus der Bevölkerung gibt es positive Rückmeldungen. Obwohl die Begrifflichkeit dieser Tage ja nicht die leichteste ist. Das Wort Gender ist gerade nicht einer der „most sexy“ Begriffe. Viele reagieren mit einem Abwehrmechanismus. Aber wenn die Leute in den Gemeinden dann durch Vorträge erfahren, was Gendermedizin ist, finden sie das gut. Sie wollen sich mit ihren behandelnden Ärzten austauschen. Das ist für mich ein Erfolg.

