Wenn Frausein weh tut
- Sandra Gloning
- 8. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Schmerz ist weiblich. Und er wird oft nicht ernst genommen. Was bedeutet das für Betroffene? Und wie beeinflusst es unser Gesundheitssystem? Wir haben nachgefragt.
Recherche von Sandra Gloning
Wenn Eva Biringer an ihre Großmutter denkt, erinnert sie sich vor allem an deren Schmerz – an die Schlaf- und Beruhigungsmittel und daran, wie sie vor Schmerzen gekrümmt auf dem Sofa lag und nicht am Leben teilhaben konnte. Nicht am gemeinsamen Sonntagsausflug, nicht am genussvollen Familienessen. Für Eva ist ihre Großmutter ein Sinnbild einer Generation von Frauen, die ihre Schmerzen ignoriert haben, sich um alle und alles kümmerten, ohne sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken.
Aber wie viel hat sich seither verändert? Für viele Frauen gehören Schmerzen zum Alltag. Sie sind ein Teil ihres Lebens, den es zu ertragen gilt. Diesem weiblichen Schmerzen hat Eva Biringer ein ganzes Buch mit dem Titel "Unversehrt" gewidmet. Biringer schreibt darin über ihre Großmutter: „Sie führte ein Leben für andere – deren Wohlergehen, aber auch deren Schmerz. Selbstloses Kümmern, Pflege aus Liebe, prinzipiell kostenlos, mit hohen Kosten für sich selbst verbunden.“ Viele Frauen jeden Alters können sich darin wiederfinden.

Weiblicher Schmerz ist anders
Die Autorin und Journalistin begann vor einigen Jahren, über Schmerzen zu recherchieren – weil sie selbst erlebte, wie eine chronische Sehnenscheidenentzündung ihr Leben einschränkte, und weil sie die Probleme ihrer Oma besser zu verstehen begann. Diese hatte Tagebücher hinterlassen, und der Enkelin wurde bewusst: "„Heute war ein erträglicher Tag“ war das Positivste, das meine Oma in all den Jahren zu berichten hatte." Zu Beginn der Recherche dachte Eva noch, es würde ein Buch über allgemeinen Schmerz werden. Doch je länger sie sich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde: Es ist weiblicher Schmerz, über den man sprechen muss.
„Das Grundprinzip unseres Medizinsystems beruht auf antiken Lehren, und diese waren extrem frauenfeindlich. Jahrtausendelang wurde weiblicher Schmerz abgewertet. Frauen seien einfach der Natur unterworfen. Und dank des Patriarchats hat sich daran noch nicht genug geändert“, so Biringer.
Auch heute gibt es große Unterschiede, wie mit den Schmerzen von Frauen und Männern umgegangen wird. Das bedeutet: Eine Frau und ein Mann gehen mit denselben Symptomen zum Arzt. Der Mann bekommt Schmerzmittel. Die Frau etwas für die Nerven. Damit leiden viele Frauen ständig unter unbehandelten Schmerzen.
Aber wie kann das auch 2025 noch sein? „Frauen müssen biologisch mehr Schmerzen aushalten, trotzdem wird uns eine geringere Schmerztoleranz attestiert. Es heißt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz, Männer sind hart im Nehmen. Wenn also ein Mann also leidet, muss es richtig schlimm sein. Bei Frauen ist es vermutlich nur Hysterie“, sagt Eva Biringer.
Studien bestätigen, dass Frauen schneller auf Druck und Hitze reagieren. Das hängt mit Hormonen zusammen und verändert sich beispielsweise bei Menschen, die geschlechtsangleichende Hormone nehmen. Die Wahrnehmung von Schmerzen ist also keine Frage der Empfindlichkeit, sondern unter anderem eine hormonelle Reaktion. In der Praxis wird das jedoch oft ignoriert.
Psychosomatik und Hysterie
Dazu kommt der Begriff der Psychosomatik, die aus den 1950er-Jahren stammt und Schmerzen oder Beschwerden ohne erkennbare körperliche Ursachen beschreibt. Auch heute sind es vor allem Frauen, die diese Diagnose erhalten. Dank der Gendermedizin weiß man mittlerweile: Viele dieser Schmerzen haben sehr wohl körperliche Ursachen – sie werden nur nicht erkannt, weil in der Medizin nach männlichen Krankheitssymptomen gesucht wird. Oder weil Medikamente an Männern getestet wurden und Frauen anders darauf reagieren.
„Die Erklärung der Psychosomatik muss oft herhalten, wenn Ärzt:innen nicht weiterwissen“, sagt Eva Biringer. „Dabei hilft es vielen Frauen schon, wenn ihre Schmerzen ernst genommen werden. Man weiß, dass Empathie Schmerzen lindert.“ Medical Gaslighting beschreibt, wenn Ärzt:innen Patientinnen einreden, ihre Schmerzen seien eingebildet.
Wartezeit und Abhängigkeit
Aber was bedeutet es konkret, wenn die Schmerzen von Frauen nicht ernst genommen werden? Frauen warten in der Notaufnahme rund 30 Prozent länger als Männer, so eine Studie im "Journal of the American Heart Association" von 2022. Der Grund: Die Schmerzen der Frauen werden nicht als so dramatisch eingeschätzt – sowohl von männlichen als auch von weiblichen Ärzt:innen und Pflegekräften. Frauen werden häufig auch viel später mit denselben Erkrankungen diagnostiziert wie Männer – oft erst nach mehreren Jahren.
Das hat direkte Konsequenzen: Frauen bekommen häufiger Psychopharmaka verschrieben als Männer und sind dadurch auch häufiger davon abhängig. Zudem nehmen sie mehr frei verkäufliche Schmerzmittel – oft in höherer Dosierung, so der Gender-Gesundheitsbericht des österreichischen Gesundheitsministeriums. „Es fängt mit der ersten Periode an. Dann heißt es: Nimm halt ein Ibuprofen und ertrage es“, sagt Eva Biringer.
Ruhigstellen und Absprechen
In der Fachsprache nennt man dieses Problem "Self-Silencing": Frauen bringen ihre Körper zum Schweigen, um zu funktionieren. Denn das wird von ihnen erwartet. Damit das geht, braucht es Schmerztabletten. Ein weiteres Problem: Schmerzmittel sind für Männer entwickelt. Mehrere Studien aus 2025 zeigen, dass Ibuprofen bei Frauen weniger effektiv wirkt. Also nehmen sie mehr davon. Schon 1965 besangen die Rolling Stones in "Mother's Little Helper", wie sich Mütter durch das Einnehmen von Schmerzmitteln am Laufen hielten. Self-Silencing ist also so tief verankert, dass es schon vor 60 Jahren in der Popkultur angekommen war.
Aber was kann man dagegen tun? Der Einzug der Gendermedizin in die Praxis ist ein erster wichtiger Schritt, so Eva Biringer: „Es muss hier aber auch mehr vonseiten der Politik passieren. Einerseits braucht es mehr Geld für Frauenkrankheiten und die Forschung daran. Andererseits darf Schmerz bei Frauen – zum Beispiel beim Einsetzen der Spirale – nicht normalisiert werden. Wichtig ist auch, dass Frauen auf ihren eigenen Körper hören und sich nicht ausreden lassen, wenn sie Schmerzen empfinden. Sie wissen am besten, was in ihrem Körper passiert.“

