"Wenn es um Hormone geht, haben wir gelernt auszuhalten"
- Delna Antia-Tatić
- 5. Nov. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Nov. 2024
Stundenlang wie ausgeknockt: Massive Schwindelattacken bringen Brigitte bis in die Notaufnahme. Ihr Leben wird zunehmend eingeschränkt und die Krankenschwester hat Angst, nicht mehr berufsfähig zu sein. Doch während die Ärzte eine falsche Fährte verfolgen, liegt die Ursache so nah. Warum checkt keiner den Hormonstatus?
Protokoll von Delna Antia-Tatić
„Die Schwindelanfälle begannen im Herbst 2020. Zunächst dachte ich, es sei der Kreislauf. Doch die Attacken wurden immer massiver. Ich war teilweise stundenlang wie ausgeknockt, konnte nur liegen und musste die Augen geschlossen halten. Einmal eskalierte es so, dass ich mich mehrmals erbrechen musste und in die Notaufnahme kam. Es war wirklich grauenhaft.
Die Anfälle haben sich meist mit Schweiß und einem Druck im Ohr angekündigt. Sie kamen unregelmäßig, manchmal mehrmals die Woche, dann gab es wieder eine Zeit lang Ruhe. Ich begann mir beruflich große Sorgen zu machen, denn ich arbeite Vollzeit als Krankenschwester auf der Intensivstation. War ich überhaupt noch arbeitsfähig? Dazu kam das schlechte Gewissen vor den Kolleg:innen – obwohl sie sehr verständnisvoll waren.

Bei den Ärzt:innen stand stets mein Ohr unter Verdacht. Vor zehn Jahren erlitt ich einen Hörsturz. Seither machen die Ohren Probleme und ich trage ein Hörgerät. Schließlich diagnostizierte mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt mir ein „Morbus Meniere“ – eine Erkrankung des Innenohrs, bei der es zu plötzlichen Schwindelattacken kommt. Zur Therapie wurde mir Cortison ins Ohr gespritzt. Das habe ich drei Mal gemacht, aber wirklich verbessert hat sich nichts. Der Schwindel blieb. Und selbst in den Ruhephasen war die Angst vor dem nächsten Anfall allgegenwärtig: Wann wird es wieder passieren und wie schlimm wird es sein? Mein Leben war nach einem halben Jahr bereits so eingeschränkt, dass ich aus Angst nicht mehr allein Auto fuhr und im Familienurlaub oft vorsorglich auf dem Zimmer blieb.
Dann gab es diesen Moment: Ich stand an der frischen Luft, weil sich ein Schwindelanfall mit Schweiß und Ohrdruck ankündigte, als ich mir dachte: „Brigitte, du bist 51 Jahre alt. Vielleicht kommt das Schwitzen vom Wechsel?“ Bis dahin hatte ich keine Probleme mit dem Ausbleiben meiner Blutung gehabt. Hier und da ein paar Hitzewallungen, aber nichts Dramatisches. Ich machte mir einen Termin bei meinem Gynäkologen aus. Er ließ gleich meinen Hormonstatus checken – mit dem Ergebnis: Es waren keine mehr da. Östrogen und Progesteron waren quasi bei null. Mein Frauenarzt verschrieb mir bioidente Hormone. Und ja, was soll ich sagen: Ab dem Zeitpunkt hatte ich keine Schwindelattacke mehr.
Meinem HNO-Arzt habe ich davon erzählt. Doch anstatt, dass er sich für die Information bedankt und sagt „Spannend, das muss ich beobachten“, tat er den Zusammenhang mit meinen Hormonen ab: „Das habe er noch nie gehört.“ Seine Reaktion hat mich verärgert. Ich will gar nicht bestreiten, dass ich nicht auch unter einem Morbus Meniere leide. Doch mit der Einnahme der Hormone ging nicht nur mein Schwindel weg, ich fühle mich auch sonst besser, friedlicher und weniger nervös.
Im Nachhinein finde ich: Wenn bei einer Frau in diesem Alter Probleme auftreten, sollte ihr Hormonstatus untersucht werden. Hitzewallungen kennt jeder als Symptom des Wechsels, aber dass auch andere Dinge damit zusammenhängen können, wird kaum bedacht. Wenn es um Hormone geht, haben Frauen gelernt auszuhalten: „Das ist unser Schicksal, das gehört als Frau dazu, da müssen wir durchleiden.“ – Nein, müssen wir nicht. Meine Freundinnen haben durch meine Geschichte alle ihren Hormonstatus gecheckt.“
ZUR PERSON Brigitte ist 55 Jahre und arbeitet als Intensivkrankenschwester in Österreich. |

