Was tun halbnackt vorm Gott in Weiß?
- Delna Antia-Tatić
- 17. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Nach fast einem Jahr femFATAL kennt Delna genügend Geschichten von Frauen, die bei Ärzt:innen nicht ernstgenommen wurden. Hilft dagegen mehr Patient:innen-Empowerment? Und wie geht das überhaupt? Delna übt bei sich selbst und erzählt davon in ihrer Kolumne.
Kolumne von Delna Antia-Tatić
„Meine Untersuchungsliege, meine Behandlung!“ Das Motto so mancher Ärzte und Ärztinnen? Kerstin hat diese Erfahrung jedenfalls gemacht und erzählt femFATAL, wie sie bei einer Magenspiegelung ihre Allergie gegen ein Narkosemittel bekannt gibt. Doch das Ärzteteam reagiert genervt. Erst werden der Bankkaufrau ihre Beschwerden abgesprochen, sie würde sich die allergische Reaktion nur einbilden. Dann lässt man es sie bei der Untersuchung spüren, dass sie nicht eingelenkt hat und auf ein anderes Anästhetikum bestanden hat. Ein Einzelfall?
Ich schreibe nun seit bald einem Jahr Geschichten für femFATAL und höre Frauen mit ihren Erfahrungen zu. Leider muss ich sagen: Nein, eher kein Einzelfall, eher ein Klassiker. Frauen wird gesagt: „Da ist nichts! Gehen Sie zum Psychiater!“ Frauen werden abgewiesen, weil sie „zu gut und gesund aussehen.“ Und mein „Lieblings“-Beispiel: Laut einem Orthopäden ist der Grund, warum die Jungmutter Ira unter schwerwiegenden Muskel- und Gelenkschmerzen leidet: „Sie schieben den Kinderwagen falsch.“ Jahre später stellte sich heraus, dass sie eine rheumatische Autoimmunerkrankung hat. Unfassbar.

Studien bestätigen, dass Frauen auch noch im 21. Jahrhundert viel zu oft als hysterisch gelten. Und das nicht nur bei männlichen Mediziner:innen. Was also dagegen tun, wenn die Zeit allein nichts ändert? Gendermedizin ist immerhin seit den 90er Jahren in der Forschung etabliert, in der Praxis tut sich aber wenig. „Es müsse von der Basis kommen“, meinte einmal eine Gendermedizinerin zu mir. Sprich: Es müsse von uns kommen. Bottom-up statt Top-down.
Wir Patient:innen, vor allem wir Frauen, müssten beginnen mehr Mittbestimmung und Teilhabe an der Behandlung einzufordern. Stichwort „Patient:innen Empowerment“. Doch einfacher gesagt als getan, immerhin müssen wir Frauen eh schon immer so viel „müssen“. Und halbnackt vor einem Gott in Weiß sitzend ist das mit den aktiven Forderungen natürlich nicht so leicht. Das Machtgefälle ist auf vielen Ebenen spürbar. Außerdem haben wir es nicht anders gelernt, das steckt tief in uns allen drin: Ärzte wissen, was mit uns los ist. Wir sind krank, sie machen uns gesund. Sie haben Medizin studiert, wir wissen nicht einmal wofür die Milz genau da ist. Und nicht zuletzt: Sie retten Leben! Ausrufezeichen, Dankbarkeit, Respekt. Trotzdem, es gibt ein Kommunikationsproblem. Für mehr Patient:innen-Empowerment braucht es mehr Augenhöhe. Beidseitig.
Wenn wir mitreden wollen, müssen wir mehr in die Verantwortung gehen. Gesundheitsbildung einerseits, aber auch Selbstbewusstsein andererseits. Das eine kann man womöglich lernen, das andere muss man üben. Ich weiß das selbst gut genug. Bei meinem einstigen Schilddrüsenarzt habe ich mich nahezu schuldig gefühlt, weil mein Körper partout nicht so ansprang, wie er das ansagte. Ich passte nicht in sein Schema. Mir war das unangenehm, ich dachte: „Das liegt mal wieder an mir! Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor, dass ich so umständlich bin.“ Glücklicherweise wechselte ich zu meiner heutigen Ärztin. Sie legt eine völlig andere Behandlungskultur an den Tag und geht auf mich ein, ohne Ungeduld und Wertung. Bei ihr kann ich Delna sein, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich auf jedes Medikament so stark anspringe wie ein Kind auf fünf Schlucke Cola. Wir arbeiten zusammen: Sie als medizinische Expertin, ich als Delna-Expertin.
Mehr davon, bitte! Patient:innen-Empowerment, das von beiden Seiten unterstützt wird, mag nicht überall und sofort gelingen, jeder Kulturwandel dauert. Aber es lohnt sich. Denn was ist die Alternative? Weiter den Kinderwagen falsch schieben?!
Quellenverweis Studie Schmerzen: https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.2401331121?download=true |

