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„Viele haben eine richtige Wut auf sich selbst“

  • Delna Antia-Tatić
  • 7. Nov. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Statt Schmerzmittel erhalten sie Antidepressiva und auf sich selbst reagieren sie mit Wut: Frauen leiden mehr unter Migräne als Männer. Warum die Wochenend-Migräne gerade Mütter betrifft und es migränefreundliche Arbeitsplätze braucht, erklärt die Neurologin Sonja-Maria Tesar im Interview.


Interview von Delna Antia-Tatić


Migräne ist eine Volkskrankheit. In Österreich leiden mehr als eine Million Menschen an den massiven Kopfschmerzattacken. Frauen besonders. Warum ihre Schmerzen aber häufig abgetan werden – ob von Mediziner:innen, im Büro oder von sich selbst, erklärt die Neurologin Sonja-Maria Tesar. Die Präsidentin der Österreichische Kopfschmerzambulanz über die Bedeutung von Hormonen und Geschlechterrollen.


femFATAL: Migräne gilt als Frauenleiden. Stimmt das?

NEUROLOGIN SONJA-MARIA TESAR: Insofern ja, dass Migräne bei Frauen im Erwachsenenalter dreimal so häufig vorkommt wie bei Männern. Bei Kindern ist das Geschlechterverhältnis noch ausgeglichen. Aber ab der Pubertät, wenn die hormonelle Situation sich ändert, sind Frauen häufiger betroffen.

 

Welchen Einfluss haben die Hormone?

Wir wissen, dass Östrogen eine wesentliche Rolle spielt. Deswegen leiden sehr viele Frauen rund um den Eisprung, aber auch bei der Menstruation verstärkt unter den Attacken – also beim Östrogen-Höhepunkt und beim Abfall des Hormons. Genauso spielt das Östrogen bei der Menopause eine Trigger-Funktion. Umgekehrt sehen wir, dass während der Schwangerschaft viele Frauen Migräne frei sind, wenn sich spätestens ab dem zweiten Drittel der Östrogenspiegel auf einem hohen Niveau stabilisiert.


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Neurologin Sonja-Maria Tesar / © Sonja-Maria Tesar

Was verursacht bei Männern die Schmerzattacken – und haben sie die gleichen Symptome?

Grundsätzlich ist Migräne eine komplexe neurobiologische Gehirnerkrankung. Sie zählt zu den primären Kopfschmerzerkrankungen. Das bedeutet, dass es keine andere Ursache gibt, sondern eine gehirneigene Erkrankung ist. Die Attacke ist eine komplexe Situation, viele Areale des Gehirns sind dabei involviert. Wir sprechen auch von einem anderen „brain state“, also davon, dass das Gehirn in einem anderen Zustand ist. Reize wie Licht oder Lärm werden anders wahrgenommen und verarbeitet, manchmal kommt es zu Heißhunger oder starkem Harndrang – und natürlich gibt es den massiven Schmerz. Damit ist die Erkrankung hormonell unabhängig und geschlechtsneutral. Männer haben genauso Migräne. Aber durch die hormonellen Trigger erkranken Frauen häufiger und haben bekannter Weise stärkere Phasen.

 

Werden Frauen und Männer unterschiedlich behandelt?

Generell sind die Leitlinien zur Therapie gleich. Jedoch wissen wir aus der Schmerzforschung, dass Frauen, wenn sie aufgrund von Schmerzen ärztliche Hilfe aufsuchen, häufiger ein Antidepressivum verschrieben bekommen als ein echtes Schmerzmittel. Männer hingegen bekommen viel häufiger ein Opiat verschrieben. Studien zeigen, dass Frauen

das „Hysterische“ zugeschrieben wird und ihnen unterstellt wird, einfach überfordert zu sein. Sie werden von Medizinern anders behandelt – und sind dadurch im Grunde oft unterbehandelt.

 

Welche Auswirkung hat das?

Wir sehen, dass Frauen resignieren, weil sie sich bei Ärzt:innen nicht ernst genommen fühlen. Aber wir erleben auch, dass sie sich zum Teil selber nicht ernstnehmen. Viele kriegen eine richtige Wut auf sich. Weil sie weiter funktionieren wollen – und müssen: Beruf, Haushalt, Kinderversorgung, Kochen, eben alles was notwendig ist. Männer sind hingegen oftmals – und grundsätzlich korrekterweise – einfach krank und ziehen sie sich zurück. Wenn ich aber als Frau mal wieder mit einer Attacke von Wochenend-Migräne aufwache, die ein Klassiker bei Mehrfachbelastung ist, und der Familienausflug dadurch gesprengt ist, dann wird kaum einer sagen: „Oh du Arme!“ Oft behandeln sich die Patientinnen daher selber, nehmen aus Angst vorsorglich Tabletten über Tabletten und machen sich so kaputt. Und ihre Lebensqualität sowieso.

 

Im Berufsleben gilt Migräne als Erkrankung, die Frauen am meisten einschränkt – was erleben Sie da bei Ihren Patientinnen?

Das ist ein spannendes Thema. In Führungsetagen sitzen mehr Männer als Frauen. Es haben aber weniger Männer als Frauen Migräne. Damit ist das Verständnis der Erkrankung, das sowieso schon schlecht ist, hier meist gar nicht gegeben. Es herrscht ein stigmatisiertes Bild: Die Mitarbeiterin erfindet etwas, sie ist hysterisch, sie hat „nur“ Kopfschmerzen. Außerdem schauen die jungen, betroffenen Frauen häufig aus wie das blühende Leben. Das ist ein zusätzliches Problem. Bei einer Migräne habe sie weder Fieber noch einen ausgerissenen Blutlaborwert. Sie haben „nichts“, außer, dass sie massiv leiden.

 

Warum ist es ein „Problem“, dass man Migräne nicht auf den ersten Blick erkennt?

Weil es zu einem Überzeugungsakt für die Betroffenen wird. Wenn Migräneattacken häufiger auftreten, wird es für den Arbeitgeber und dem Chef lästig, weil jemand ausfällt. Auf der anderen Seite muss sich die Arbeitnehmerin rechtfertigen: „Hab halt weniger Stress, trink mehr, geh ein bisschen spazieren.“ Das ist nett. Aber es bringt Migräne-Patient:innen nicht viel. Vielmehr fühlen sie sich immer irgendwie schuldig. Es wird ihnen suggeriert, ihr Leben, ihre Gesundheit nicht im Griff zu haben. Es gibt bereits Ideen zu migränefreundlichen Arbeitsplätzen mit Rückzugsmöglichkeiten. Das könnte helfen – auch den betroffenen Männern natürlich. Migräne ist eine Volkskrankheit, mehr als eine Million Menschen sind in Österreich betroffen.

 

Was würde noch helfen?

Ein Verständnis in der Gesellschaft, dass Migräne eine unheilbare Krankheit ist und dass sie sehr komplex ist. Es braucht Aufklärung, welche vielen Symptome eine Attacke hat, wie lange sie dauert und dass Migräne nicht nur belastend ist, sondern auch ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall birgt. Zudem haben Migräne-Patient:innen ein zehnfach erhöhtes Risiko zusätzlich an einer Depression und Angststörung zu erkranken. Und zwar nicht nur, weil Migräne so belastend ist und daher depressiv macht. Sondern weil diese Erkrankungen auch gemeinsame neubiologische Entstehungsmechanismen haben. Wir müssen Migräne ernst nehmen. Sie ist nicht neu erfunden, sondern eine 6000 Jahre alte Erkrankung. Aber: Es gibt wirksame Therapie, die Forschung steht nicht still.

ZUR PERSON:

Dr. Sonja-Maria Tesar ist Fachärztin für Neurologie. Sie leitet die Kopfschmerzambulanz und interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum Klagenfurt und ist medizinische Direktorin am Landeskrankenhaus Wolfsberg. Zudem ist sie Präsidentin der österreichischen Kopfschmerzambulanz und Mitglied im Vorstand der österreichischen Schlaganfallgesellschaft.


 
 

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