Süchtig, aber unsichtbar
- Sandra Gloning
- 17. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Viele Frauen trinken, rauchen oder nehmen Drogen nicht um zu feiern – sondern um zu funktionieren. Wie unterscheiden sich Suchtkrankheiten zwischen Männern und Frauen?
Recherche von Sandra Gloning
Ein Glas Wein am Abend. Und noch eines. Damit sie funktioniert. Den ganzen Tag. Für Beruf, Kinder, Partner, Haushalt, Erwartungen. Und dann, am Abend, wenn es still wird, braucht sie das Glas Wein. Zum Runterkommen. So oder so ähnlich beginnt es bei vielen Frauen.
Nicht als Kontrollverlust, sondern als Bewältigungsstrategie. Und aus einem Glas Wein wird eine halbe Flasche, dann eine ganze. Die Sucht hilft, durchzuhalten. Erst unauffällig, dann immer mehr. Mehr, weil das Nervensystem abgestumpft ist. Mehr, weil das Belohnungssystem im Gehirn nach Nachschub verlangt. Frauen steigen meist später in den Alkoholismus ein, werden aber schneller süchtig.
Irgendwann denkt "sie" an nichts anderes. Braucht es, um die Nerven zu behalten. Sie will, dass der Glücksbotenstoff Dopamin wieder durch ihre Adern rauscht. Dass das schöne Gefühl übernimmt, sie sich leichter fühlt, die Schmerzen weniger werden, die Probleme ganz in den Hintergrund rücken. Egal, was nötig ist. Genau dieses Gefühl kennen viele Menschen mit Suchtkrankheiten – sei es Alkohol, Nikotin, Kokain, Essen, Sex oder Glücksspiel. All diese Süchte greifen in das Belohnungssystem des Gehirns ein. Gehirnareale wie das sogenannte Lustzentrum leuchten im wörtlichen Sinne auf, wenn man das Gehirn von Süchtigen im MRT betrachtet.

Süchte, die funktionieren lassen
Betrachtet man Süchte mit dem Blick der Gendermedizin so zeigt sich: Frauen sind anders süchtig. Sie entwickeln oft Suchterkrankungen, die ihnen ermöglichen, weiterzumachen. Der Konsum dient nicht der Flucht, sondern der Stabilisierung. Das Ziel: durchhalten. Emotional, körperlich, sozial. Nicht aussteigen, sondern leisten. Psychiaterin und Gendermedizinerin Gabriele Fischer sagt: „Süchtige wissen, dass sie nicht mehr trinken sollten. Sie wissen, dass sie die Drogen nicht nehmen sollten. Sie schaffen es nur nicht. Deshalb muss man die zugrundeliegenden psychiatrischen Erkrankungen behandeln.“
Selbstmedikation statt Diagnose
Gerade für Frauen sind viele Süchte ein Versuch, sich selbst zu behandeln. Panikattacken, Angststörungen oder Depressionen sind häufige Auslöser – und all diese Diagnosen betreffen Frauen statistisch häufiger. Besonders bei ADHS zeigt sich das: Frauen werden oft spät oder gar nicht diagnostiziert, weil ihre Symptome weniger auffällig sind. Ihnen wird nicht geholfen – also helfen sie sich selbst. Mit Drogen, Alkohol oder Zigaretten.
Ein weiterer, oft übersehener Punkt sind Medikamente. „Wir wissen heute, dass Frauen mehr Schmerzmittel zur effektiven Therapie brauchen, um dieselbe Wirkung zu erzielen wie Männer. Das führt häufig dazu, dass sie unterdosiert werden – mit der Folge chronischer Schmerzen und einem erhöhten Risiko für Schmerzmittelabhängigkeit!“ erklärt Fischer. Bei Medikamentenabhängigkeit geht man heute von zwei Dritteln Frauen aus – und nur einem Drittel Männern.
Das Gehirn reagiert anders
Dass Sucht bei Frauen oft anders verläuft, liegt nicht nur an gesellschaftlichen Rollenbildern, sondern auch an biologischen Faktoren. Eine Studie der University of Colorado aus dem Jahr 2015 zeigt: Frauen, die süchtig nach Kokain, Speed oder Crystal Meth waren, haben deutlich weniger graue Substanz in bestimmten Hirnregionen – besonders in jenen, die für Gefühle, Entscheidungen, Belohnung und Impulskontrolle zuständig sind. Das verringerte Hirnvolumen hing direkt mit impulsiverem Verhalten, größerer Belohnungssuche und höherem Konsum zusammen. Bei Männern ließ sich dieser Zusammenhang nicht feststellen. Das könnte erklären, warum Frauen früher mit harten Drogen beginnen, schneller abhängig werden und größere Schwierigkeiten haben, wieder aufzuhören.
Hormone als Schutz – aber nicht für immer
Dabei haben Frauen eigentlich einen biologischen Vorteil. „Bis zur Menopause werden Frauen in gewisser Weise von ihren Hormonen geschützt“, sagt Fischer. Sei es Rauchen, Alkohol oder Drogen – der Körper gleicht bis zum Wechsel bestimmte Belastungen besser aus als bei Männern. Doch nach dem Wechsel verschwindet dieser Puffer. Und die Folgen werden messbar: „Wenn Frauen gleich lange konsumiert haben wie Männer, sehen wir bei ihnen danach früher Organschäden. Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle oder Krebserkrankungen treten häufiger und schneller auf.“ Das gilt nicht nur für Alkohol oder Drogen. Auch bei Glücksspielsucht zeigen sich bei Frauen stärkere körperliche Auswirkungen. Und oft handelt es sich um Mehrfachabhängigkeiten – etwa die Kombination aus Alkohol, Medikamenten und Glücksspiel.
Sucht war lange Männersache
Historisch galten Suchterkrankungen lange als männliches Problem. Auch deshalb, weil Frauen der Zugang zu bestimmten Substanzen schlicht verwehrt war. In Frankreich etwa durften Frauen bis zum Wahlrecht keine Zigaretten kaufen. Rauchen oder Trinken in der Öffentlichkeit wurde zum Zeichen von Rebellion – und später zur Normalität. Heute zeigt sich in Studien: Frauen holen auf. In erschreckendem Tempo. Beim Zigarettenkonsum haben sie Männer bereits überholt. Beim Alkohol sind vor allem junge Frauen den Männern dicht auf den Fersen. Doch es sind oft Männer, die Frauen erstmals mit Drogen in Kontakt bringen und versorgen.
Entzug ist nicht gleich Entzug
Doch was passiert, wenn Frauen aufhören wollen? Viele scheitern schon an der Schwelle. Zu groß ist die Scham. Zu tief das Stigma. Expert:innen wie Gabriele Fischer fordern einen gendersensiblen Blick auf den Entzug. „Männer hören häufig mit der sogenannten Non-Stop-Methode zum Rauchen auf – von heute auf morgen“, sagt Fischer. „Frauen hingegen bevorzugen eher den schrittweisen Ausstieg.“
Auch die Rückfallrisiken unterscheiden sich: Frauen fangen eher in Stressphasen wieder an, Männer eher in Entspannungsmomenten. Und: Die nötigen Einrichtungen fehlen. Gerade in Österreich mangelt es an frauenspezifischen Konzepten – etwa für Kinderbetreuung, wenn ein Rehabilitationsaufenthalt empfohlen wird. Wer abhängig ist und gleichzeitig Mutter, fällt schnell durch alle Raster. Und wird allein gelassen.
BUCHTIPP: „Sucht. Neue Erkenntnisse und Behandlungswege.“ Gabriele Fischer & Arkadiusz Komorowski, Erscheinungstermin: 06.12.2023, MedUni Wien im MANZ Verlag,ISBN 978-3-214-25406-3, 232 Seiten, 23,90 Euro |

