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Medizin im Queerblick: Ein Blindflug ohne Daten

  • Sandra Gloning
  • 26. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. März

Ein Arztbesuch sollte keine Mutprobe sein. Doch für viele queere Menschen in Österreich gleicht er genau dem – sei es aufgrund mangelnder Aufklärung, offener Diskriminierung oder fehlender Forschung. Wo stehen wir in Österreich?


Von Sandra Gloning


Es gibt Dinge, für die braucht es Mut. Mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen zum Beispiel. Oder einen Job kündigen, der eigentlich gut bezahlt ist, aber unglücklich macht. Sich gegen ein System stellen oder anders wählen als die eigene Familie. Wofür es keinen Mut brauchen sollte, ist zum Arzt zu gehen und sich Untersuchungen zu unterziehen, die notwendig sind. Egal welche Sexualität und Geschlechteridentität man hat. Doch die Realität schaut gerade für Menschen der LGBTQI+Community oft anders aus.


Fast die Hälfte der Befragten gaben gegenüber des Gesundheitsministerium in einer Umfrage 2022 an, aus Angst vor Diskriminierung Arzttermine zu vermeiden, obwohl sie notwendig seien. Die Diskriminierung ist zum Teil subtil: Lesbischen Frauen werden Verhütungsmittel aufgedrängt, obwohl sie nicht mit Männern schlafen oder der Körper einer trans*Person wird kommentiert, obwohl es nur um einen verstauchten Knöchel geht. Rein medizinisch gibt es seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten drei Geschlechter. Das dritte Geschlecht wird intersexuell genannt. Aus medizinischer Sicht werden seit jeher Kinder geboren, die mit weiblichen, männlichen oder beiden Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen.


Collage
Im Queerblick / © Collage Zoe Opratko

Das Tabu kommt aus der Gesellschaft

Darüber gibt es in den Fachkreisen keine Diskussionen, sondern das ist gelebte Praxis, wie die Gendermedizinerin Margarethe Hochleitner betont. Sie war 2014 die erste Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck und leitete die Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung. Für sie bedeutet Gendermedizin nicht nur, dass Männer und Frauen gut versorgt sind, sondern dass alle Geschlechter und Identitäten in der medizinischen Versorgung berücksichtigt werden. "Für die Medizin sind Intersexualität, Geschlechtervielfalt und LGBTQI+ längst keine Tabuthemen mehr. Das Tabu kommt aus der Gesellschaft. Was uns jedoch fehlt, ist eine fundierte Datenlage", erklärt die Expertin. Wirklich entscheidend für die medizinische Praxis sind vor allem die besonderen Bedürfnisse von Menschen der LGBTQI+ Community wie trans*Personen. trans*Personen sind Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Manche entscheiden sich für eine Operation, um dieses anzugleichen – aber nicht alle. Eine Transition ist der Prozess, den eine trans*Person durchläuft, um ihr gelebtes Geschlecht an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Viele nehmen dafür Hormone ein. Und während geschlechtsangleichende Operationen und Hormontherapien gut erforscht sind, gibt es in vielen medizinischen Bereichen nach wie vor erhebliche Wissenslücken.


Fehlende Fallzahlen

"Unser Hauptproblem ist, dass medizinische Studien meist quantitativ sind, also auf großen Fallzahlen basieren – das heißt wir brauchen viele Menschen mit demselben Problem. Wenn wir herausfinden wollen, ob trans*Personen ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt haben, benötigen wir Zahlen", erläutert Hochleitner. Doch in Österreich gibt es laut Statistik Austria keine verlässlichen Zahlen dazu, wie viele Menschen sich als LGBTQI+ identifizieren. Hier fängt die Datenlücke an. Ohne eine solide Datenbasis bleibt unklar, wie sich z.B. die langfristige Einnahme von Hormonen zur Transition auf den Körper von trans*Personen auswirkt oder welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bestehen. Hochleitner: „Hier wären noch viele wissenschaftliche Studien notwendig und ein Umdenken im Forschungssystem.“


89 Prozent fühlen sich diskriminiert

2022 wurde vom Österreichischen Gesundheitsministerium erstmals ein LGBTQI+Gesundheitsbericht in Auftrag gegeben. Doch schon zu Beginn der Studie zeigte sich ein grundlegendes Hindernis. Sylvia Gaiswinkler, Studienautorin der Gesundheit Österreich GmbH, erklärt: "Wir wollten ursprünglich eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage durchführen. Doch dann wurde schnell klar, dass es kaum Daten dazu gibt, wie viele Menschen sich als queere Personen identifizieren." Hier besteht also Nachholbedarf.

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen aber noch ein weiteres Problem: Viele queere Menschen erleben Diskriminierung im Gesundheitssystem. "Die Umfrage zeigte, dass sich 89 Prozent der Befragten bereits in einem medizinischen Kontext diskriminiert fühlten. Ein Drittel der befragten findet, dass ihre Ärzt:innen nicht gut über LGBTIQ+ spezifische Gesundheitsthemen informiert seien“, so Gaiswinkler. Besonders alarmierend ist, dass 49 Prozent der Befragten angaben, notwendige medizinische Termine aus Angst vor Ausgrenzung und Vorurteilen vermieden zu haben.


Plattform Queermed

Im Zuge der Umfrage hat das Gesundheitsministerium eine E-Learning Plattform entwickelt, die Gesundheitspersonal im Umgang mit diversen Personen schulen soll. Diese wird flächendeckend positiv angenommen und verwendet, so die Studienautorin. Eine weitere hilfreiche Quelle für queere Personen ist die Plattform Queermed. Diese bietet eine Übersicht von Ärzt:innen, die positiv von queeren Personen bewertet und weiterempfohlen werden. Sylvia Gaiswinkler findet die Plattform wichtig: „Bei der aktuellen Datenlage und dem aktuellen Gesundheitssystem ist das eine wichtige Ressource, bis die Informationen in allen Bereichen angekommen sind. “


Ohne Daten, keine finanziellen Mittel

Denn wenn es um politische Forderungen und die Verbesserung der Datenlage geht, befindet sich die Debatte in einer Endlosschleife. Es ist eine inzwischen alte Forderung der Medizin, nur evidenzbasierte medizinische Angebote zu machen, das heißt beruhend auf wissenschaftlichen Studien und selbstverständlich auch gegenderten Gesundheitsdaten. Hochleitner fasst das Dilemma zusammen: „Ohne Daten, die das Problem belegen, wird es aber schwieriger, finanzielle Mittel für Studien einzuwerben. Denn deren Dringlichkeit ist schwer belegbar.“ Die Katze beißt sich also gewissermaßen in den Schwanz. Hochleitner: „Bis dahin haben wir ein Zwei-Klassen-System: Einerseits Männer und Frauen, für die umfassende Gesundheitsdaten und Evidenz vorliegen, andererseits diverse Gruppen, einschließlich der LGBTQI+Community, für die kaum oder nur in geringem Ausmaß Daten existieren.“

 
 

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