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Let’s Talk about Sex(ualorgane)

  • Sandra Gloning
  • 7. Nov. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Weibliche Sexualorgane wurden in der Medizin lange ausgeklammert. Die Lehrbücher wurden von Männern für Männer geschrieben und Gynäkologie konzentrierte sich auf die Fortpflanzung der Frau. Klitoris und Vulva hingegen schienen irrelevant – oder „obszön“. Warum aber das Ausklammern der Lustorgane aus der medizinischen Forschung gesundheitsbelastend für Frauen ist, erfährst du in dieser femFATAL-Recherche.


Von Sandra Gloning


Wie fühlt es sich an, die Zeichnung einer Vulva zu sehen? Skandalös? Pornografisch? Würde das gleiche gelten, wenn stattdessen eine Gebärmutter gezeigt würde? Weibliche Organe, die mit Fortpflanzung zu tun haben – wie Eileiter, Eierstöcke und Muttermund – werden ganz selbstverständlich abgebildet. Bei der Vulva ist das anders. Wir sehen sie nicht als medizinisch, sondern oft nur als sexuell an – ja, sogar als pornografisch. Das hat System.


Eine Frau schaut sich im Handspiegel ihre Vagina an
Der eigene Anblick / Collage © Zoe Opratko

Ausschluss in der Medizin

Organe wie die Klitoris, also die größte Sammlung an Nervenenden, sind für die weibliche Sexualität ausschlaggebend – wurden aber lange aus der Medizin ausgeklammert. Daniela Dörfler ist Gynäkologin und Sexologin. Die Wiener Ärztin gibt ihr gynäkologisches Wissen auch als Vortragende an der MedUni Wien weiter und ist Teil des Institutes für Sexualpädagogik und Sexualtherapien (ISP). Im Gespräch mit femFATAL erinnert sie sich: „Als ich 1985 mein Medizinstudium begann, ging es in der Gynäkologie nur um Schwangerschaft und Krebs. Sexuelle Lust und Schmerzen beim Sex? Das kam nicht vor.“ Für die verschiedenen Facetten der weiblichen Sexualität gab es weder Erklärungen noch medizinische Hintergründe: „Es hatte schließlich nichts mit der weiblichen Reproduktion zu tun.“


Das Wissen eignete sich die Ärztin später selbst an. Heute informiert sie Frauen darüber, dass Sex nicht schmerzhaft sein sollte – eine wichtige Botschaft, die sich erst langsam durchsetzt. Denn in den Köpfen vieler Menschen sind Schmerzen beim Sex für Frauen, vorm allem beim ersten Mal, normal. Heute weiß man, dass es unterschiedliche medizinische Gründe dafür geben kann wie Vaginismus oder Vulvodynie. Beim Vaginismus bleibt der Muskel rund um die Vagina fest und es kann nichts eindringen. Bei der Vulvodynie erzeugen unter anderem Entzündungen der äußeren Genitalorgane Schmerzen.


Aber wieso standen Sexualorgane, Schmerzen von Frauen oder Scheidentrockenheit nicht auf dem Curriculum? „Die Lehrbücher waren von Männern über und für Männer gemacht“, erklärt Dörfler. „Weibliche Lustorgane galten als weniger relevant.“ Erst die feministische Revolution 1970 änderte das langsam. Betonung auf langsam. Die Gynäkologin weiß: „Wenn man erwachsene Frauen befragt, zeigt sich, wie überraschend wenig sie über ihre Sexualorgane wissen. Beispielsweise, dass die Vagina ein aufnehmendes Organ ist.“ Das bedeutet, dass diese sich je nach Erregungsstatus verändern kann. Die Muskeln rund um die Vagina können angespannt problemlos ein Tampon an Ort und Stelle halten. Sind diese Muskeln aber entspannt und die Frau erregt, kann die Vagina sich sowohl in der Länge als auch Breite ausdehnen.


Gesellschaftliches Tabu

Ein weiteres Beispiel ist auch die Klitoris. Dabei handelt es sich um das wichtigste weibliche Lustorgan. Schon 1650 gab es Forschung zur Klitoris, doch die Zeichnungen fanden nicht ihren Weg in die Medizinbücher. „Es wurde nicht als medizinisch relevant erachtet“, so Dörfler. Und diese Meinung hielt an. Das Organ wird erst seit wenigen Jahren in Medizinbüchern abgebildet. Erst 2022 wurde die Klitoris auch in einige Schulbücher aufgenommen – in denen seit Jahrzehnten Penisse detailliert beschrieben werden. Ärzt:innen und Forscher:innen glaubten Jahrzehnte, dass rund 8.000 Nervenenden in der Klitoris vereint werden. Eine Rechnung, die nie belegt wurde und auf Untersuchungen von Schafen und Kühen beruht. Ein Forschungsteam rund um Dr. Blair Peters an der Oregon Health & Science University hat die Anzahl nun widerlegt – gesicherte neue Daten gibt es aber noch nicht. Und das im Jahr 2024. Wäre das auch so, wenn es um den männlichen Orgasmus ginge? Hier zeigt sich der Gender-Data-Gap in der Medizin – also die große Wissenslücke in der Forschung zwischen Männern und Frauen.


Die Medizin prägt unsere Gesellschaft: Weibliche Lust war lange ein Tabuthema. Das führt auch zum „Orgasmus-Gap“: dem Fakt, dass Frauen weniger Orgasmen haben als Männer. Diese Lücke ist vielfach erforscht, zuletzt an der Chapman University aus den USA. Während 95 Prozent der Männer beim Sex zum Höhepunkt kommen, tun das nur 65 Prozent der Frauen. Grund dafür: Weil Forschung zur weiblichen Lust fehlte, galt sie oft als „mysteriös“ oder „kompliziert“ – und das hat sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt. Deshalb wird der weibliche Orgasmus im Schlafzimmer oft einfach vernachlässigt. Die Wissenschaft weiß bis heute nicht alles darüber, was bei Frauen zum Orgasmus führt. Elisabeth Neumann ist Sexologin und Head of User Research beim Sextoy-Hersteller Womanizer. Sie findet diese Wissenslücke problematisch: „Wie sollen wir etwas bewusst und frei erleben, für das uns die Sprache, die Konzepte und das Verständnis fehlen?“ Und dabei geht es nicht nur um Lust, sondern viel mehr: „Oft war und ist die Forschung auf männliche Perspektiven ausgerichtet, wodurch die medizinischen Bedürfnisse von Frauen weitgehend ignoriert werden.“


Medizinische Ursachen

Aber warum ist es wichtig, dass die Medizin sich mit sexueller Lust und den relevanten Organen beschäftigt? Weil es die Gesundheit von Frauen betrifft. Wird eine Frau beispielsweise am Unterleib operiert – im Bereich der Harnröhre, im Bauchraum oder auch im Darmbereich – ist es für Ärzt:innen wichtig, die Klitoris, deren Größe und Nervenenden am Schirm zu haben und nicht aus Versehen zu verletzen. So eine Verletzung könnte das Leben von Frauen für immer verändern. Die Oregon Health & Science University (OHSU) arbeitet intensiv daran, hier mehr Informationen zu sammeln und Chirurg:innen zur Verfügung zu stellen.

 

Und auch in Bezug auf Krankheiten im Bereich der Sexualorgane hinkt die Forschung hinterher. Eine Erkrankung, über die erst seit wenigen Jahren gesprochen wird ist Endometriose. Dabei wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Das betrifft zwar eine von zehn Frauen und ist Ziel intensiver Forschungen. Elisabeth Neumann beschäftigt sich für die Forschung intensiv mit den medizinischen Fakten rund um die weibliche Sexualität und nennt ein weiteres Beispiel einer Krankheit: Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS). Diese Krankheit ist eine Hormonstörung und verursacht vielfältige Beschwerden wie unregelmäßige Zyklen, Gewichtszunahme, verstärkter Haarwuchs, Schmerzen und Unfruchtbarkeit: „Obwohl PCOS weit verbreitet ist, mangelt es an genauen Erkenntnissen zu den Ursachen und an effektiven Behandlungsansätze. Die Forschung konzentrierte sich oft auf die Fortpflanzungsaspekte. Die Alltagsbelastungen betroffener Frauen wurden weniger beachtet.“

 

Die Zukunft

Zum Glück ändert sich langsam etwas. Immer mehr Forschungsteams weltweit nehmen sich dem Thema an. Der Sextoyhersteller Womanizer fördert auch seit 2021 in einem speziellen Fund Forschung, die sich auf weibliche Sexualität, Vergnügen und Gesundheit fokussieren. Sexualmedizin ist heute Teil des Medizincurriculums – auch wenn es noch kein Schwerpunkt ist. An der Universität Wien kann man sich inzwischen auf Sexualmedizin spezialisieren. „Ärztinnen aus verschiedenen Disziplinen nehmen sich diesem Thema an, und das ist wichtig“, sagt die Gynäkologin Daniela Dörfler. „Es ist keine Geheimwissenschaft mehr. Da passiert viel Gutes.“

 
 

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