"Gesundheit ist ein Menschenrecht, end of story!"
- Ivana Cucujkić-Panić
- 8. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Migrant:innen stehen oft vor besonderen Herausforderungen im Gesundheitssystem – von Sprachbarrieren bis hin zu strukturellen Hürden. Die Gesundheitslots:innen der Volkshilfe Wien helfen, diese Hindernisse zu überwinden. Projektleiterin Petra Haderer-Ho erklärt im Interview, warum Gesundheitswissen auch ein Schlüssel zur Selbstbestimmung ist.
Interview von Ivana Cucujkić-Panić
femFATAL: Warum brauchen gerade Migrant:innen die Gesundheitslots:innen?
Petra Haderer-Ho: Das österreichische Gesundheitssystem ist komplex und nicht selbsterklärend. Viele Angebote sind schwer zu durchschauen. Besonders Menschen, die neu im Land sind und weniger Zugang zu Gesundheitswissen haben, benötigen Unterstützung. Gesundheitslots:innen helfen dabei, eine gleichberechtigte Versorgung sicherzustellen.
Sind Sprachbarrieren eine große Hürde?
Ja, das zeigt unsere Erfahrung. Ein großer Faktor ist die Sprache. Ohne sie ist es noch schwieriger, sich zurechtzufinden. Man muss sich sicher fühlen, um Fragen zu stellen. Doch das medizinische System ist stark hierarchisch, und oft gibt es eine große Schere zwischen Ärzt:innen und Patient:innen. Wer die Sprache nicht beherrscht, traut sich noch weniger, nachzufragen.

Die Beratung passiert bei euch in der Muttersprache. Warum ist das so wichtig?
Menschen sprechen offener über persönliche oder intime Themen, wenn sie sich nicht erst überlegen müssen, wie sie es formulieren. Zudem entsteht Vertrauen, wenn die beratende Person eine ähnliche Migrationserfahrung gemacht hat. Gesundheitslots:innen erreichen so Gruppen, die oft als „schwer erreichbar“ gelten.
Ihr arbeitet insbesondere mit Frauen. Was bemerkt ihr da?
Sie haben einerseits oft sehr grundlegende Fragen zum Gesundheitssystem: Was mache ich mit der E-Card? Wann gehe ich ins Spital? Was kann eine Apotheke? Aber ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Frauengesundheit. Besonders Verhütung oder Schwangerschaftsabbruch. Viele haben durch Flucht ihr Unterstützungsnetzwerk verloren. Die Beratung schafft hier neue Räume für Austausch und auch Selbstbestimmung. Frauen beginnen durch das Gesundheitswissen, ihre Rolle zu hinterfragen: Was wird von mir erwartet? Wo kann mein Mann mich mehr unterstützen?
Wo seht ihr Wissenslücken oder Tabus?
Ernährung und Bewegung sind zentrale Themen, weil hier oft Unwissenheit besteht. Viele sind überrascht, wie viel Zucker in bestimmten Produkten steckt. Auch Impfaufklärung ist wichtig. Das Projekt setzt stark auf Prävention und Gesundheitsförderung.
Beeinflusst Migration die Gesundheit?
Menschen mit Migrationsbiographie erfahren oft eine Mehrfachbelastung. Manche erleben Diskriminierung im Gesundheitswesen, darunter vermehrt Frauen. Viele Geflüchtete hadern mit Traumata. Hinzu kommen das fehlende Netzwerk und mangelnde Orientierung im neuen System. All das führt dazu, dass medizinische Angebote oft zu spät genutzt werden – mit negativen Folgen für die Betroffenen und zusätzlichen Kosten für das System.
Welche strukturellen Veränderungen braucht es?
Es braucht Sensibilisierung im Krankenhauspersonal und in der Ausbildung. Der Lehrplan für Mediziner:innen muss Diversitätsaspekte stärker berücksichtigen. Zudem müssen wir den Nostrifizierungsprozess vereinfachen: Wir haben viele hochqualifizierte Migrant:innen im Land, die nicht in ihrem Beruf arbeiten können.
Kommen auch Männer zur Beratung?
Ja, wenn männliche Lotsen sie führen. Männer sind wichtige Multiplikatoren. Doch generell nehmen sie seltener Gesundheitsangebote wahr, gehen weniger zur Vorsorge und haben oft ein anderes Selbstbild. Dass Männer sich weniger in Gesundheitsfragen einbringen oder Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, ist ein kultur- und gesellschaftsübergreifendes Phänomen.
Wie müsste das Gesundheitssystem diverser werden?
Es gibt keinen diverseren Ort als ein Spital. Schmerz wird kulturell unterschiedlich ausgedrückt, Gesundheit unterschiedlich wahrgenommen. Wir brauchen mehr niederschwellige Angebote, diverseres Personal und strukturelle Veränderungen, um echten Zugang für alle zu schaffen. Nur so erreichen wir echte "Health Equity", also gesundheitliche Chancengleichheit.
Was heißt das?
Gesundheit ist ein Menschenrecht – end of story! Und wir sind dazu angehalten, für eine gleichberechtigte Versorgung zu sorgen.
Zur Person Petra Haderer-Ho ist Expertin für Gesundheitsförderung und leitet das Projekt „Gesundheitslots:innen“ bei der Volkshilfe Wien. Sie setzt sich für einen gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung ein, insbesondere für Menschen mit Migrationsgeschichte. Ihr Fokus liegt auf Prävention, Aufklärung und Empowerment durch muttersprachliche Beratung. |
Das Projekt „Gesundheitslots:innen“ Im Projekt „SANEAS - Gesundheitslots*innen“ der Volkshilfe Wien fördern freiwillige Personen mit Migrationserfahrung seit mehr als 10 Jahren die Gesundheitskompetenz anderer Menschen mit Migrationsbiografie. Sie informieren in Deutsch und vielen weiteren Sprachen über relevante Gesundheitsthemen und navigieren durch das österreichische Gesundheitssystem. Nach einer mehrwöchigen Ausbildung in der Volkshilfe Wien geben sie ihr Wissen in Workshops über die Themenschwerpunkte Das österreichische Gesundheitssystem, Gesundheits-Sprache leicht gemacht!, Ernährung und Bewegung, Seelische Gesundheit, Alter und Demenz, Diabetes, Frauengesundheit, Männergesundheit und Kinder- und Jugendgesundhei weiter. |

