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"Es hieß als Kind immer, ich sei schwierig"

  • Delna Antia-Tatić
  • 26. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Offiziell weiß die Schriftstellerin Birgit erst seit ein paar Monaten, dass sie ADHS hat. Inoffiziell ahnte sie es schon immer. Mädchen und Frauen mit ADHS werden oft viel später oder gar nicht diagnostiziert. Denn die "Zappelphillip"-Symptome sind typisch für Burschen. Birgits Unruhe verlagerte sich zunehmend ins Innere. Hier erzählt sie, wie die Behandlung ihr ein neues Lebensgefühl beschert hat.


Protokoll von Delna Antia-Tatić


„Mein ganzes Leben habe ich geglaubt, dass ich irgendwie dümmer bin als alle anderen. Das begann mit der Schulzeit: Gelber Umschlag aufs Deutschheft, roter aufs Matheheft. Allein das habe ich nie hingekriegt. Dabei habe ich, glaube ich, nicht weniger kapiert, was den Unterricht betraf. Für mich waren die normalen Dinge im Leben schwierig, der Schulalltag eine Zumutung. Bald galt ich als aufmüpfig und unwillig.

 

Die Unruhe übertrug sich ins Innere

Damals ist natürlich niemand auf die Idee gekommen, mich austesten zu lassen. Es waren andere Zeiten. Es hieß nur immer, ich sei schwierig, und es gab viel Streit. Außerdem fiel ich als Mädchen nicht in das ADHS-typische Vorurteil des „Zappelphilipps“. Die äußere Unruhe übertrug sich bei mir bald einmal ins Innere. Das ist wohl auch eher typisch für Frauen mit ADHS. Mädchen gesteht man gesellschaftlich immer noch weniger zu, wild und laut zu sein. Vielleicht haben sie aber auch mehr Anpassungswillen? Sie werden jedenfalls viel schneller abgewertet, wenn sie sich nicht „brav“ verhalten. Dadurch lernen Mädchen nicht nur, dass Wild-Sein nicht in Ordnung ist. Sondern in weiterer Folge, dass SIE nicht in Ordnung sind.


Schriftstellerin Birgit
Schriftstellerin Birgit / © Siegrid Cain

Ich kann nichts so halb machen

Offiziell weiß ich erst seit ein paar Monaten, dass ich ADHS habe. Inoffiziell wusste ich es schon immer. Nur habe ich keinen Namen dafür gehabt, was mit mir anders ist. Ich wäre auch nie auf ADHS gekommen. „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom“ – dieser Begriff! Ich fühle mich überhaupt nicht, als hätte ich mangelnde Aufmerksamkeit. Eher zu viel, für Dinge, die die meisten anderen weniger interessieren. Es zählt ja auch zu den Stärken des Syndroms, dass man einen Hyperfokus entwickeln kann. Ich kannte diesen Begriff vorher nicht, aber für mich war das eine Offenbarung: Ich habe immer so gelebt, von Hyperfokus zu Hyperfokus. Nur fand ich das nie schlimm, sondern eigentlich bereichernd. Ich kann nichts einfach so halb machen. Beim Bücherschreiben hilft das sehr. Mir fällt es nicht schwer für einen Text mehrere Jahre lang alles zu geben. Ich arbeite jede freie Minute. Manche verwechseln das mit Disziplin. Für mich fühlt es sich an wie ein Flow.

 

Allerdings wurde mein gesamter Alltag durch ADHS zur Kompensationsleistung. Wenn man wie ich weiß, dass man ein Mensch ist, der viel vergisst, der oft zu spät kommt, der plötzlich die Lust verliert, sich an Termine oder Abmachungen zu halten, sich schnell ablenken lässt oder wegträumt, dann schaut man irgendwann extra drauf, strengt sich extra an. Man kompensiert gegen diese ständige innere und äußere Zerstreutheit, indem man alles akribisch durchzieht, vorausplant und abarbeitet. Wenn man selbstständig ist und Kinder hat, kann man viele Dinge nicht dem Chaos überlassen.

 

Begleiterkrankungen durch ADHS

Die Folgen sind Burnout-ähnliche Zustände, phasenweise etwas wie eine Erschöpfungsdepression, bei vielen auch Selbstabwertung und/ oder bei Frauen meiner Generation klassischerweise auch Essstörungen. Sowas nennt die Medizin Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen, und die Spezialist:innen sagen, die meisten Frauen schlagen bei ihnen zuerst wegen dieser Komorbiditäten auf. Erst im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass ADHS die Ursache ist. Aber man muss schon an jemand Gutes geraten, um da wirklich eine treffsichere Diagnose zu bekommen. Nicht jeder, der nicht aufräumen kann, hat ADHS.

 

Ich war total überrascht, als bei mir zusätzlich eine Depression diagnostiziert wurde. Ich fühlte mich überhaupt nicht depressiv. Ich bin ein motivierter Mensch, der gern lebt und viel weiterbringt. Das war immer so. Ich kann sehr gut „funktionieren“, weiß schnell, was von mir erwartet wird und kann viel Kraft aufbringen, dem zu entsprechen. Ich liebe meine Familie, mein Umfeld, meine Arbeit. Das alles sprach aus meiner Sicht gegen eine Depression. Ich lernte aber, dass auch eine sogenannte Agilität Anzeichen einer Depression sein kann. Und dass ich deswegen mein Leben insgesamt so anstrengend finde, weil ich erschöpft bin. Weil ich kompensiere, und nicht grundsätzlich, weil ich ADHS habe.

 

Das Gefühl okay zu sein

Die Ärztin hat mir daher zusätzlich zur ADHS-Behandlung auch Antidepressiva verschrieben, die ich eigentlich nur nahm, um ihr zu zeigen, dass ich das nicht brauche. Dann war ich aber über deren Wirkung sehr überrascht, denn die Veränderung, die sie bei mir bewirkten, haben alle mit meinem Selbstwert zu tun. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass der so im Argen liegt. Erst, als sich mein Selbstwert anscheinend normalisierte, fiel mir auf, dass ich vorher nie das Gefühl hatte, so richtig und vollumfänglich okay zu sein. Auf einmal war da so ein inneres Gefühl, dass ich, so wie ich bin, vollkommen in Ordnung bin. Es erschreckte mich ehrlich gesagt, zu merken, dass ich das noch nie empfunden hatte. Das ist schon eigenartig. So, wie das jetzt ist, ist es echt gut.

 

Man sollte ADHS nicht abtun

Ich persönlich bin gegen eine Pathologisierung und dieses Beschlagworten durch Instagram-Diagnosen und Modetrends. Aber abtun sollte man ADHS deswegen nicht. ADHS gibt es in allen Schichten, aber weniger privilegierte Menschen brauchen noch mehr Unterstützung als andere. ADHS umfassend und sinnvoll zu behandeln ist teuer. Das sollte nicht so sein. In der Schule hat man einen besonderen Bedarf an Förderung. Braucht mehr Abschirmung, Ruhe und manchmal auch mehr Bewegung und Zeit. Die Pädagog:innen werden damit vollkommen alleingelassen. Es obliegt immer einzelnen Superheld:innen. Das sollte so nicht sein. Das System Schule sollte es in einem reichen Land wie Österreich endlich schaffen, alle mitzunehmen.

 

Brauchen wir nicht auch die, die quer denken?

Daher wünsche ich mir, gerade für Mädchen und Frauen, aber auch für alle anderen Betroffenen, dass man hier verstärkt hinsieht und erkennt, wie man ihnen helfen kann. Ohne sie mit Vorurteilen zu besetzen und als dumm abzutun. Ich sehe das auch gesamtgesellschaftlich: Brauchen wir im 21. Jahrhundert wirklich nur Menschen, die Dienst nach Vorschrift machen, Regeln befolgen und in vorgefertigten Bahnen denken? Oder brauchen wir auch die, die quer denken, die aus der Reihe tanzen und Dinge tun, obwohl sie eigentlich zuerst einmal sinnlos erscheinen?"


ZUR PERSON

Birgit ist 40 Jahre, gelernte Soziologin und Sozialarbeiterin, und von Beruf Schriftstellerin.


 
 

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