Männer leiden anders
- Delna Antia-Tatić
- 7. Okt. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Okt. 2024
Depression galt als Frauenerkrankung, bis man entdeckte: Männer zeigen oft andere Symptome. Welche das sind, erklärt Psychiaterin Christa Rados.
Interview von Delna Antia-Tatić
Sozialer Rückzug, Traurigkeit und Antriebslosigkeit – gemeinhin sind dies klassische Anzeichen für eine Depression. Doch die geschlechtsspezifische Forschung zeigt, dass Männer oft anders leiden. Psychiaterin Christa Rados erklärt im Interview, warum ein Bewusstsein für die "male depression“ auch in die Suizid-Prävention entscheidend ist.
femFATAL: Wurden Männer bei Depressionen übersehen?
PSYCHIATERIN CHRISTA RADOS: Fakt ist, dass Depressionen aufgrund unserer bisherigen Datenlage, vor allem Frauen betrifft. Seit den 80er Jahren ist jedoch das Konzept der "male depression" bekannt. Unter anderen wurde im Rahmen der sogenannten "Gotland-Studie" erkannt, dass viele Männer – nicht alle – andere Symptome bei Depression zeigen.

Was sind diese Symptome bei Männern?
Wenn eine Person sich zurückzieht, antriebslos und traurig ist, dann gilt das als klassisches Anzeichen von Depression. Die Person wird meist passiv, oft klagsam und freudlos. Gerade Frauen richten Kritik häufig gegen sich selbst. Bei der "male depression" lässt sich zwar auch sozialer Rückzug beobachten, aber gleichzeitig zeigt dieser Typus oft ein Überengagement in anderen Bereichen. Das kann exzessives Arbeiten, exzessiver Sport oder Computerkonsum sein. Der Sexualtrieb verändert sich oft, nimmt ab oder wird eben exzessiv. Auch werden Männer eher gereizt, feindselig und verärgert als traurig oder weinerlich wie viele depressive Frauen. Starker Alkoholkonsum spielt zudem gerade bei depressiven Männern häufig eine Rolle. "Exzesse" sind in diesem Fall Versuche sich von der eigenen Innenwelt abzulenken. Aufgrund dieses atypischen Verhaltens kann also die Depression bei Männern unterdiagnostiziert sein. Denn Aggressivität und Alkoholkonsum überdecken dann depressive Anzeichen, es kommt eher zu Polizeieinsätzen als zu Therapiemaßnahmen.
Müssen Männer anders behandelt werden?
Von der Medikation und der therapeutischen Behandlung her nicht. Aber die Diagnose ist die Herausforderung. Die oft ablehnende Haltung von Männern gegenüber der Behandlung kann ein Hindernis sein. Gerade wenn Männer eine abwertende Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen haben, nach dem Motto: "Depressiv? Ich bin doch nicht verrückt!"
Suizide sind eindeutig männlich, Depression gilt als weiblich. Wie geht das zusammen?
Das stimmt, die Suizidalität ist in Österreich und auf der ganzen Welt ein überwiegend männliches Phänomen. Lapidar gesagt: Frauen sind depressiv, Männer bringen sich um. Depression ist natürlich nicht die einzige Ursache von Suiziden. Aber die vorwiegende. Depression ist somit potentiell eine tödliche Krankheit. Seit den 80er Jahren wurden vielerorts Präventionsinitiativen gesetzt, mit Erfolg. In Österreich konnte die Rate durch Prävention und verbesserte Versorgung fast halbiert werden. Gleichzeitig hält sich das Geschlechterverhältnis: 80 Prozent der vollzogenen Suizide wurden 2023 von Männern verübt. Gerade ältere Männer, jenseits der 80 Jahre, zählen zur Hochrisikogruppe. Was wenige wissen: Es sterben in Österreich dreimal so viele Menschen an Suizid als durch Verkehrstod.
Ist die "männliche Depression" in der therapeutischen Praxis bekannt?
Absolut. In der Gesellschaft braucht es ein geschärftes Bewusstsein zum Thema Suizid. Denn bis Prävention greift, dauert es. Wir sollten uns auf den Weg begeben zu einer Suizid-präventiven Gesellschaft. Wir sind bereits gut unterwegs, aber das Thema gehört enttabuisiert.
ZUR PERSON: Christa Rados war Primarärztin der Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin des Landeskrankenhaus Villach und fachliche Leiterin der psychosozialen Therapiezentren Kärnten. Sie ist Expertin für geschlechtsspezifische Aspekte in der Psychiatrie und engagiert sich im Rahmen der Modellregion für Gendermedizin Kärnten.
Quellen: *Suizidprävention SUPRA – Bericht 2024: Suizid und Suizidprävention in Österreich: Bericht 2024 (PDF, 1 MB) |
HILFE IN KRISEN Berichte über (mögliche) Suizide können bei Personen, die sich in einer Krise befinden, die Situation verschlimmern. Hier findest du Hilfe in Österreich: Österreichweite Telefonseelsorge ist jederzeit unter 142 gratis zu erreichen. Sozialpsychiatrischer Notdienst/PSD Psychiatrische Soforthilfe im Krisenfall: Qualifizierte und rasche Hilfestellung rund um die Uhr. Tel.: 01 31330, täglich 0–24 Uhr Online unter www.psd-wien.at.
Rat auf Draht – Kinder und Jugendliche Hilfe und Beratung für Jugendliche und junge Erwachsene bietet Rat auf Draht unter der Nummer 147, anonym und rund um die Uhr. www.rataufdraht.at.
Männernotruf Tel.: 0800 246 247 Der Männernotruf bietet Männern in Krisen- und Gewaltsituationen österreichweit rund um die Uhr eine erste Ansprechstelle. Online unter www.maennernotruf.at.
Männerinfo Tel.: 0800 400 777 Telefonische Krisenberatung rund um die Uhr aus ganz Österreich; bei Bedarf auch gedolmetschte Beratung; anonym vertraulich, kostenlos. Online unter www.maennerinfo.at. |

