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Diagnose: Care-Arbeit

  • Delna Antia-Tatić
  • 16. Dez. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Dez. 2024

Frauen kommen mit einem Überlebensvorteil zur Welt – und leben am Ende länger als Männer. Doch die weibliche Geschlechterrolle fordert ihren Preis: Herzinfarkt, Panikattacken, Übergewicht oder ein permanent schlechtes Gewissen. Kostet der Stress der Mehrfachbelastung den Frauen ihre Gesundheit?


Von Delna Antia-Tatić


Eigentlich fängt alles so gut an. Wer als Mädchen zur Welt kommt, hat einen Startvorsprung. Zu Beginn des Lebens macht das Geschlecht einen entscheidenden Unterschied. Auf der Frühgeborenenstation sogar einen von Leben oder Tod. „Ein Mädchen zu sein, ist ein Überlebensvorteil. Weil die Organe reifer sind, wie die Lunge und der Darm,“ erklärt Neonatologin Nadja Haiden vom Kepler Universitätsklinikum in Linz.

 

Die Reife von Mädchen unterscheidet sich im Mutterleib etwa um eine Woche. Das mag nach nicht viel klingen, aber bei Frühgeborenen zählt jeder Tag. Wird es also ein Mädchen, formuliert es Haiden bei den werdenden Eltern positiv: „Die Chancen stehen besser!“ Denn bei neugeborenen Buben liegt die Sterblichkeit um etwa fünf Prozent höher. Das sei genetisch bedingt – durch die männlichen Geschlechtshormone. Das „starke Geschlecht“ erscheint zu Beginn des Lebens das schwächere Geschlecht zu sein.

 

Jedenfalls lässt der biologische Vorteil, weiblich zu sein, zunächst nicht so schnell nach. Östrogen schützt Frauen bis etwa zum Wechsel zumeist vor schwereren Erkrankungen, das Immunsystem profitiert vom weiblichen Geschlechtshormon. Und schaut man auf die Lebenslänge, so leben Frauen in Österreich etwa um vier Jahre länger als Männer.

Collage: Wenn Mutterstress aufs Herz geht.
Wie gesund ist die weibliche Geschlechterrolle? @Collage Zoe Opratko

20 Jahre in schlechter Gesundheit

Doch die Sache hat einen Haken. Das zeigt mitunter der letzte Gesundheitsbericht der Österreichischen Bundesregierung: Von ihren durchschnittlich 84 Lebensjahren verbringen Frauen etwa 20 Jahre in mittelmäßiger bis schlechter Gesundheit. Gynäkologische Erkrankungen spielen dabei eine bedeutende Rolle. Außerdem verlaufen Erkrankungen von Frauen oft anders als bei Männern, dadurch werden Frauen oft unterdiagnostiziert und falsch behandelt. Daten zu frauenspezifischen Gesundheitsfragen fehlen bis heute. Der medizinische Mensch war eben lang der medizinische Mann. Für die Frau ein klarer Geschlechtsnachteil.

 

Die Gendermedizin setzt hier an und bringt noch eine zusätzliche Perspektive hinein: Wie geht es Frauen in unserer Gesellschaft? Unter welchen Bedingungen und mit welchen Rollenmustern leben sie? Nicht nur unser biologisches, auch unser soziales Geschlecht beeinflusst unsere Gesundheit.

 

Mehrfachbelastung: Panikattacken und Herzinfarkt

„Die Mehrfachbelastung bei Frauen ist ein großes Thema“, weiß Eva Ornella, Leiterin des internistischen Ambulatoriums der ÖGK in Klagenfurt. „Frauen stellen sich selbst meist hinten an, alles andere geht vor: Die Kinder, der Mann, der Haushalt, der Job. Ihre Gesundheit bleibt auf der Strecke.“ Erst wenn Zeit da ist, wie in der Pension, kommen sie dann ins Krankenhaus, berichtet die Internistin. Oder wenn nichts mehr geht. „Nicht selten leiden sie dann etwa unter Brustschmerzen, die keine Muskelverspannungen sind, sondern ein Herzinfarkt.“  Obwohl der Herzinfarkt als „Männerkrankheit“ gilt und statistisch auch mehr Männer an ihm erkranken, sind es die Frauen, die häufiger an ihm sterben. Vor allem in jüngeren Jahren. „Frauen sind zwar weniger Vorsorge-Muffel als Männer, aber wir sehen, dass sie durch die Mehrfachbelastung weniger auf sich schauen.“ Dadurch werden Anzeichen und Symptome häufig ignoriert.

 

Hoher Blutdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder metabolische Syndrome, wie Übergewicht, lassen sich als mittelbare Folgen von Stress beobachten. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit, ständige Erreichbarkeit und Social-Media, sind schon Gesundheitsstress genug, sagt die Ärztin. Bei Frauen mit Betreuungspflichten kommt der Mental-Load durch die unsichtbare Familienarbeit noch oben drauf. „Wir sehen, dass die Panikattacken zunehmen, gerade bei Müttern zwischen 30 und 40 Jahren,“ berichtet Ornella.

 

„Dazu kommt bei arbeitenden Frauen oft die Frustration, nicht genug beim Kind sein zu können, auch das stresst“, erklärt Jasminka Godnic-Cvar. Die pensionierte Ärztin leitete lang das Institut für Arbeitsmedizin der MedUni Wien und weiß, wie Stress, Mental-Load und ein schlechtes Gewissen sich bei Frauen in Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten äußern. Depressionen seien nicht selten.

 

Ruhe für Mütter, Anerkennung von Care-Arbeit

Was helfen würde? „Mütter sollten eine Möglichkeit bekommen, zur Ruhe zu kommen.“ Es brauche die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung von Care-Arbeit, findet Godnic-Cvar. In der Tat, Frauen tragen die Hauptlast der unbezahlten Care-Arbeit in Österreich, und zahlen einen großen Preis: Wer Kinder betreut, arbeitet meist weniger Vollzeit, macht dadurch weniger Karriere, verdient geringer und bekommt zum Schluss (zu) wenig Pension. „Armut ist weiblich“, wie die Caritas unlängst feststellt: Besonders gefährdet sind Alleinerziehende. Grund? Sie arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Teilzeitjobs. Fehlende Kinderbetreuung, schwieriger Arbeitsmarktzugang und traditionelle Rollenbilder verschärfen die Lage. Dass so eine Situation auf Dauer krank macht, wundert wenig.

 

Im Alter: Allein leben - oder weiter pflegen

Und wie geht es Frauen dann später, mit zunehmendem Alter? Im Rehabilitationszentrum Bad Tatzmanndorf der Pensionsversicherung (PV) bekommt man dazu ein deutliches Bild. Jeanette Strametz-Juranek ist die medizinische Leiterin und erklärt: „Männer sind meist in ihren 50er Jahren, wenn sie zu uns kommen. Da ist unser Ziel überwiegend, sie in der beruflichen Erwerbsfähigkeit zu halten.“ Frauen hingegen kommen im höheren Alter, ab 65 Jahren. „Sie sind meist kränker, leiden mehr unter Schmerzen und sind sozial oft isolierter.“ Gendermedizin wird hier schon lang berücksichtigt, daher sei bei Frauen auch das Rehabilitationsziel ein anderes: Die Vermeidung der Pflegebedürftigkeit. „Damit sie möglichst lange noch in ihrem eigenen Zuhause leben können,“ erklärt Strametz-Juranek. Und noch etwas ist für ihre Rehabilitation wichtig: „Bei Frauen kommt oft noch der Aspekt der Care-Arbeit dazu – nämlich sich um den Partner/die Partnerin oder um Angehörige kümmern zu können.“

 

Die unbezahlte Fürsorge-Arbeit, von der Kinderbetreuung bis zur Pflege, scheint also an anderer Stelle zu kosten. Und jüngere Frauen ziehen bereits die Konsequenz aus dieser Gesundheits- und Lebensbilanz: Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, nimmt drastisch ab. „Frauen leben länger. Aber zu welchem Preis?“ fragt die Ärztin Eva Ornella. „Unsere Gesellschaft muss sich ändern.“

 
 

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