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„Der Zyklus gehört auf den Trainingsplan“

  • Ivana Cucujkić-Panić
  • 23. Okt.
  • 4 Min. Lesezeit

Nur ein Prozent der Sportforschung berücksichtigt den Menstruationszyklus. Laufcoach Steffi Platt will das ändern. Zyklusgerechtes Training ist für sie der Schlüssel zu Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Selbstbestimmung. Im Gespräch erklärt die ehemalige Mittelstreckenläuferin, warum Periodenverlust ein Warnsignal ist, wie Hormone Regeneration steuern – und warum Gleichberechtigung im Sport mit Wissen über den eigenen Körper beginnt.


Interview von Ivana Cucujkić-Panić 


femFATAL: Seit wann spielt der Zyklus in deinem Training eine Rolle – und warum überhaupt?

Steffi Platt: 2019 hatte ich einen schwerwiegenden Ermüdungsbruch am Kreuzbein. Das war einige Jahre nach meiner Zeit als Leistungssportlerin im Mittelstreckenlauf. Zu dem Zeitpunkt bin ich wieder relativ ambitioniert gelaufen. Viele Frauen in meinem Umfeld hatten ebenfalls Frakturen, also Knochenbrüche durch Überlastung. Und ich dachte: Das gehört da nicht hin – weder in den Leistungs- noch in den Hobbysport.


Ich erinnerte mich, dass in der Sportmedizin bei mir einmal eine Hormonspiegel- und Knochendichtemessung gemacht wurde. Und ich hatte das Gefühl: Vielleicht haben die Frakturen etwas mit meinem Geschlecht zu tun. So bin ich zum zyklusgerechten Training gekommen.

 

Ist der Zyklus im Sport eher ein Nachteil – oder vielleicht sogar eine Stärke?

Der Menstruationszyklus ist definitiv kein Nachteil. Wir erleben ihn nur oft so, weil wir ihn auf eine beschwerdevolle Menstruation reduzieren. Das Problem ist, dass wir etwas normalisieren, das eigentlich nicht für Gesundheit steht. Regelschmerzen oder PMS sind Symptome eines hormonellen Ungleichgewichts. Wenn wir den Zyklus aber für uns nutzen, hat er viele Stärken. Er ist ein wunderbares Warnsignal. Wir haben eine Variation an Hormonen, die wir uns zunutze machen können – vor allem das Östrogen, das anabol, also muskelaufbauend wirkt. Den Zyklus zu verstehen heißt, nicht mehr gegen den Körper zu arbeiten.


Lauftrainerin Steffi Platt
Steffi Platt trainiert mit den Hormonen. ©Daniela Jud 

Was bedeutet „mit dem Körper statt gegen ihn trainieren“ konkret?

Es geht darum, zu verstehen, was der Menstruationszyklus mit uns macht. Mit Ernährung können wir unfassbar viel Stabilität in unser Hormonsystem bringen. Wenn wir zu wenig essen oder zu wenig Nährstoffe zuführen, funktioniert das System irgendwann nicht mehr. Es geht darum, dem Körper etwas Gutes zu tun.

Frauen sollten rechtzeitig ihre Speicher wieder auffüllen – 30 bis 45 Minuten nach dem Training mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten und Proteinen. Schlaf beeinflusst Training und umgekehrt. Cortisol als Stresshormon kann die Regeneration hemmen, Progesteron unterstützt Ruhe und Entspannung, besonders in der zweiten Zyklushälfte. Es geht immer um Balance – nicht über den eigenen Körper hinwegzugehen, wenn er Signale schickt.

 

Welche Warnsignale übersehen Frauen beim Training häufig? 

Wenn die Menstruation oder schon der Eisprung ausbleibt. Abgeschlagenheit, Müdigkeit, sich ins Training schleppen, keine Leistung bringen, Energie verlieren statt gewinnen – das sind klare Warnsignale. Auch wenn sich der Zyklus oder die Blutungsstärke verändern oder PMS auftritt, ist das nicht normal. Zyklusgerechtes Training bedeutet in meiner Arbeit oft zuerst, Zyklusgesundheit wiederherzustellen.


Wie reagieren Trainer:innen, wenn du über Zyklusphasen und Leistungsfähigkeit sprichst?Unterschiedlich. Zuletzt war ich beim Berliner Leichtathletikverband, und es war unfassbar positiv. Viel Neugierde, viele Fragen. Ich betone immer: Wir brauchen mündige Athletinnen, die selbst entscheiden, wie sie zyklusgerecht trainieren. Das Potenzial ist riesig, und ich wünsche mir, dass im Leistungssport noch mehr passiert.


Warum wird über den Zyklus im Sport überhaupt so wenig gesprochen?

Weil es ein Tabuthema ist – obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Es wird als lästig gesehen. Im Sport ist vieles männlich geprägt, es gibt zu wenig Trainerinnen. Nicht jede Athletin möchte mit einem Trainer über ihren Zyklus sprechen. Wir haben nie gelernt, das zu normalisieren.

Es wird manchmal sogar als Auszeichnung gesehen, wenn die Menstruation ausbleibt – dabei ist das ein klares Warnsignal. Genau deshalb habe ich den ersten Laufsportverein mit zyklusgerechtem Training gegründet – FIERCE RUN FORCE e.V. –, um einen Raum zu schaffen, in dem der Menstruationszyklus als Basis für Erfolg und für ein gesundes Leben gesehen wird.


Gendermedizin und Sport – wie steht es um die Forschung?

Forschungstechnisch tappen wir noch im Dunkeln. Nur sechs Prozent der sportwissenschaftlichen Forschung beziehen sich auf Frauen, und nur etwa ein Prozent berücksichtigt den Zyklus adäquat. Wir haben ihn jahrzehntelang ignoriert. Wir stehen am Anfang – und deswegen ist Praxis so wichtig. Gendermedizin ist nicht irrelevant – im Gegenteil.


Was wünschst du dir für die Zukunft der Frauengesundheit im Sport?

Dass es kein neues Thema mehr ist. Dass Beschwerden ernst genommen werden und Frauengesundheit an erster Stelle steht. Zyklusgerechtes Training sollte ein wichtiger, aber kein einschränkender Faktor sein.


Wie muss Sport künftig weiblich gedacht werden – im Breiten- wie im Profisport?

Vor allem: Er muss mitgedacht werden. Wir dürfen Trainingspläne, Ernährungsformen und Diäten hinterfragen. Vieles ist durch Diätkultur und das Kleinhalten des weiblichen Körpers geprägt: restriktives Essverhalten, Maßregelung und Selbstoptimierung. Zyklusgerechtes Training und Aufklärung sollten für alle Frauen zugänglich sein.

Ein geschlechterspezifisches Training ist wichtig – weil: Ohne Gesundheit keine Leistung.


Zur Person: Steffi Platt ist ehemalige Leistungssportlerin (Mittelstrecke), aktive Läuferin und Laufcoach mit Spezialisierung auf zyklusgerechtes Training. Sie gründete FIERCE RUN FORCE e.V., den ersten Frauenlaufclub mit Fokus auf zyklusorientiertes Training, und berät Athletinnen zu Frauengesundheit, Hormonen und Leistungsfähigkeit.


 
 

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