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Der Vier-Minuten-Arzt

  • Sandra Gloning
  • 23. Okt.
  • 3 Min. Lesezeit

In vier Minuten erklärt ein Arzt unserer Kolumnistin, dass alles in Ordnung sei. Doch nichts ist für Sandra in Ordnung. Mit Wut im Bauch sucht sie im Netz nach Hilfe. Bis eine Ärztin antwortet: „Wie schnell können Sie kommen?“


Vier Minuten. So viel Zeit nimmt sich der Arzt, zu dem ich wegen einer Zweitmeinung zu meinem Hormonungleichgewicht und meiner Insulinresistenz gehe. Vier Minuten, das ist die Zeit, in der Popcorn in der Mikrowelle aufpoppt, ein weiches Frühstücksei kocht oder ein durchschnittlicher Popsong läuft.


Seit Monaten habe ich Beschwerden, als wäre ich mitten in der Menopause. Ich schlafe schlecht, weil Sorgen und depressive Verstimmung mich wachhalten. Ich nehme hormonell bedingt zu, unkontrolliert. Ich esse so viel Brokkoli, dass im Burgenland eigentlich ein Feld nach mir benannt werden müsste. Ich verzichte in Frankreich auf Croissants, in Spanien auf Churros. Alles, um meine Hormone nicht zu verärgern. Erfolglos, so meine Blutwerte.


Kolumnistin Sandra
Ihr Arztbesuch ist kein Einzelfall, weiß femFATAL-Kolumnistin Sandra. ©Zoe Opratko

Während der Arzt mir also einredet, ich würde mir alles nur einbilden, und meine eigentliche Ärztin habe die Laborwerte völlig falsch verstanden, vergeht weniger Zeit, als ein Taylor-Swift-Song lang ist.

Als ich die Praxis verlasse, brodle ich vor Wut. Ich weiß, dass mein Erlebnis kein Einzelfall ist. Ich schreibe und recherchiere genug femFATAL-Geschichten, um zu wissen: Wir alle kennen dieses Gefühl. Die Angst, nicht ernst genommen zu werden, ist kein Hirngespinst – sie ist Erfahrung. Und sie passiert mir gerade wieder.


Wut statt Scham

In der Vergangenheit habe ich oft mit Scham reagiert. Als wäre ich jemand, die nur Aufmerksamkeit will, sich wichtigmacht und die Zeit der Ärzt:innen verschwendet. Nicht, weil ich das wirklich glaube, sondern weil mir dieses Gefühl gegeben wird. Doch diesmal brennt etwas in mir. Weil ich sicher weiß, dass mir gerade Unrecht geschieht. Weil nichts, was mit meinem Körper passiert, normal ist. Meine Ärztin formuliert es liebevoll: „Wären Sie 55, wäre ich mit Ihren Werten sehr glücklich.“ Aber ich bin 31. Und ich weiß, dass ich recht habe.


Nicht nur, weil meine erste Ärztin das bestätigt, sondern auch, weil ich – ja, ich gestehe – mit ChatGPT meine Werte bespreche. Und ja, ich weiß: Doktor Google ist keine Lösung. Ich würde auch niemandem empfehlen, seine Blutwerte in eine Maschine hochzuladen, von der man nicht weiß, was sie damit macht. Aber ich bin verzweifelt. Dieses Programm bestätigt, was meine Ärztin gesagt hat. Und ich vertraue meiner ersten Ärztin, die nur mit meinen komplett seltsamen Symptomen an die Grenzen ihres Wissens stößt. Jetzt steht es nicht Meinung gegen Meinung, sondern zwei Expert:innen (eine menschliche und eine Maschine) gegen den Vier-Minuten-Arzt.


"Melden Sie sich bitte, wenn Sie das Problem sehen und mir helfen wollen.“

Meine Verzweiflung bringt mich dazu, nach Hause zu gehen, den Laptop aufzuklappen und eine Mail an diverse Expert:innen zu schreiben: „Das sind meine Werte. Das sind meine Beschwerden. Das wurde bisher getan. Melden Sie sich bitte, wenn Sie das Problem sehen und mir helfen wollen.“

Ich bin klar in meiner Message. Fordernd. Und ich entschuldige mich nicht dafür. Es ist ein Armutszeugnis, dass ausgerechnet seelenloser Code mich ermutigt, mir selbst zu glauben. Und nicht dem Gott in Weiß, der noch vor einer Stunde alles auf meinen ‚Lebenswandel‘ schiebt, ohne auch nur eine Frage dazu zu stellen.


KI-Hilfe: Zwischen Vorsicht und Ermutigung

Es gibt inzwischen Berichte, dass KI-Programme Frauen dazu ermutigen, sich für Studiengänge einzuschreiben, Sportkurse zu besuchen oder sich gegen Ärzt:innen durchzusetzen. Weil sie ihnen die Ohnmacht nehmen, die so viele empfinden, wenn sie sich ausgeliefert fühlen. Und das ist das eigentlich Erschreckende: Dass wir als Frauen Maschinen brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen. Dass es in diesem System, in dem wir leben, sonst niemand für uns macht. Damit sich das ändert, muss sich das System ändern. Und das wird dauern.


Zehn Minuten, nachdem ich die Mail verschickt habe, ruft mich eine Ärztin an. Sie spricht die Diagnose aus, die sich mit jener meiner ersten Ärztin und – ja – auch ChatGPT deckt. „Wie schnell können Sie kommen?“, fragt sie.


Es handelt sich bei meinen Beschwerden um keine Lappalie – um Krankheiten, die unbehandelt chronisch würden und dem Gesundheitssystem langfristig viel Geld kosten. Etwas, das dem Vier-Minuten-Arzt völlig egal ist. Allein dieses Telefonat mit der Expertin dauert länger als vier Minuten. Und es gibt mir den Mut, künftig einzufordern.

 
 

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