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Die falsche Dosis

  • Sandra Gloning
  • 7. Okt. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Okt. 2024

In den USA verursachten Frauen immer wieder Autounfälle, bis man herausfand: Die gängige Dosis von Schlaftabletten passt nicht auf Frauen, sondern nur auf Männer. Gendermedizinerin Miriam Hufgard-Leitner erklärt den Geschlechtsfaktor bei Medikamenten.


von Sandra Gloning


Zwei Jahrzehnte lang nahmen Frauen in den USA das Schlafmittel Zolpidem wie Männer ein. Es war die Lösung für all die, die Sorgen, Schlaflosigkeit, Schmerzen oder der Mental Load nachts wachhielten. Der Nachteil? Am nächsten Morgen fühlten sich viele Frauen nicht fahrtauglich. Aber was war da los?


Ärzt:innen winkten zunächst ab: Das Medikament wurde schließlich vielstufig getestet und war seit zwei Jahrzehnten auf dem Markt. Es musste sich um Einzelfälle handeln. Doch als sich die Autounfälle von Frauen häuften, evaluierte die Zulassungsstelle für Medikamente in den USA 2013 neu. Denn das Medikament war nur an Männern getestet worden. Das Ergebnis: Zolpidem wirkt bei Frauen länger nach, weil ihre Körper es anders verarbeiten. "In den USA gibt es deshalb zwei verschiedene Packungen für Männer und Frauen," sagt die Wiener Gendermedizinerin Miriam Hufgard-Leitner. In der EU passierte diese Anpassung bisher nicht. War die Fehldosierung von Zolpidem die Ausnahme oder ist sie die Regel?


Collage mit Frauenskulptur und Männern mit Zollstock
Die Vermessung der Frau / Collage © Zoe Opratko

Frauenkörper sind anders

Lange nahm man in der Medizin an, Frauen seien kleine Männer, nur dass sich eben die Geschlechtsorgane unterscheiden. Ansonsten dasselbe Programm, halt kleiner. Doch das stimmt nicht. Dank Gendermedizin weiß man heute, dass Männer und Frauen unterschiedliche Fett-, Wasser- und Muskelanteile haben. Weibliche Organe werden anders durchblutet, Frauen verdauen langsamer, das Herz schlägt schneller und pro Minute atmen sie öfter als Männer. Insgesamt funktionieren weibliche Körper also doch sehr anders. Und das beeinflusst, wie Medikamente im weiblichen Körper wirken. Warum gibt es also für Kinder Dosierung nach dem Gewicht, für Erwachsene aber nicht? Ob Frau oder Mann, klein oder groß, dünn oder dick: Ab 18 Jahren werden alle gleich dosiert. Wie kann das sein?


"Medikamente werden in mehreren Stufen getestet. Zuerst an Zellen, danach an Tieren und dann an gesunden Menschen," erklärt Gendermedizinerin Miriam Hufgard-Leitner, die selbst in Medikamenten-Testungen involviert ist. Doch in der Praxis sind "gesunde Menschen" meist gesunde Männer. "Es werden männliche Zellen, männliche Tiere und Testpersonen verwendet. Denn die haben alle keinen Zyklus – und sind damit unkomplizierter." Frauen werden aus vielen Studien ausgeschlossen, weiß die Oberärztin, mit der Konsequenz: "Bei den Studien-Erkenntnissen sind nur 50 Prozent der Menschheit abgebildet. Es gibt einen riesigen blinden Fleck."


Contergan-Skandal

Welche fatalen Konsequenzen so ein Ausschluss hat, zeigt der Contergan-Skandal der 1960er Jahre. Contergan, ein rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel, wurde besonders schwangeren Frauen empfohlen. Doch eine einzige Tablette konnte schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen oder Todgeburten verursachen. Weltweit kamen rund 10.000 Kinder mit solchen Fehlbildungen zur Welt. "Hätte man in die Medikamentenstudie schwangere Mäuse mit einbezogen, hätte man an diesem Punkt schon bemerkt, dass dies die Folgen sein könnten," so Hufgard-Leitner. Anstatt weibliche Testmöglichkeiten in unterschiedlichen Lebensphasen jedoch künftig mitzudenken, wurden seither alle Frauen im gebärfähigen Alter aus Studien ausgeschlossen. Letztlich, um sie zu schützen.  

 

Frauen sind nicht gleich Frauen

Aber ist das der richtige Weg? Hat dieser Ausschluss nicht genau dahin geführt, dass 50 Prozent der Bevölkerung nicht abgebildet sind. Die Gendermedizinerin geht daher einen anderen Weg: "Wir versuchen in unseren Studien immer eine Verteilung von 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männern zu haben." Schwangere Frauen dürfen nicht getestet werden. Vielmehr müssen Frauen während der Testphase verhüten. Damit kann der blinde Fleck zumindest zum Teil aufgelöst werden. Warum nur zum Teil? Auch Frauen sind nicht gleich Frauen. "Wir versuchen auch unterschiedliche Lebensphasen zu berücksichtigen, da der Körper einer 20-Jährigen nicht mit dem einer 50-Jährigen vergleichbar ist."


Hormone beeinflussen, welchen Weg das Medikament geht und welche Zellen es aufnehmen. Es dürfte also einen Unterschied machen, ob eine Frau die Pille nimmt, in welcher Zyklusphase sie sich befindet oder ob sie sich zum Beispiel in der Menopause befindet. "Hinzu kommt, dass Frauen oft viel mehr Medikamente ohne Rezept einnehmen als Männer." Darunter Nahrungsergänzungsmittel, Beruhigungsmittel oder pflanzliche Medikamente. Das beeinflusst wie Medikamente miteinander reagieren.


Überdosiert

Weil sie Wirkstoffe langsamer abbauen als Männer, werden Frauen zudem schnell überdosiert. Studien zeigen, dass Frauen aktuell ein größeres Risiko für Nebenwirkungen haben. Sie haben auch oft andere Beschwerden als im Beipackzettel stehen – weil ihre Körper die Medikamente anders verarbeiten als jene der Testgruppe Männer. Und wenn sie ihre Nebenwirkungen dann kommunizieren? "Ärzt:innen können das gerade bei neuen Medikamenten zum Teil nicht zuordnen und bringen es nicht mit der Medikamenteneinnahme in Verbindung, weil es nicht als mögliche Nebenwirkung gelistet ist." Das Ergebnis, so Hufgard-Leitner, die auch Oberärztin am AKH Wien ist: Frauen fühlen sich mit ihren Problemen nicht ernst genommen und allein gelassen.


Doch warum werden Frauen nicht einfach in der Forschung einbezogen? Es geht dabei um Kosten und Risiken. Würden zwei Geschlechter abgebildet werden, bräuchte man männliche und weibliche Zellen, Testtiere und Probanden. Ziel der Gendermedizin ist, dass das die Norm wird. "Wir wollen richtige und bessere Medizin. Das kostet. Aber ich hätte auch als Ärztin auch eine ganz andere Sicherheit, wie gut verträglich ein Medikament ist."


Rechtliche Erfolge

Doch wie geht es jetzt weiter? Damit Geschlechterunterschiede in der Medikamentenentwicklung und -dosierung ankommen, braucht es ein entsprechendes Gesetz und den Rückhalt der Politik. Hier gab es bereits erste Erfolge. Eine EU-Verordnung fordert seit 2022 in Österreich, dass Studien erklären müssen, wieso sie nur mit Männern arbeiten. In allen Gesundheitsforschungsprojekten, die von der EU finanziert werden, müssen Frauen verpflichtend vorkommen. Der nächste, wichtige Schritt wäre laut Hufgard-Leitner, dass Frauen nachsehen können und informiert werden, ob es Daten zum Medikament über Frauen gibt. Entweder in einer speziellen Datenbank oder einfach auf der Medikamentenpackung.


Was kann jede einzelne Frau tun, damit sich die Situation ändert? Ehrlich sein. Und ihre Nebenwirkungen rückmelden: "Wir möchten mit dem Thema nicht verunsichern. Viele Medikamente haben jahrzehntelange positive Erfahrungen für Männer und Frauen. Aber wir wissen auch aus Daten und persönlichen Erfahrungen, dass Frauen viel ertragen und einfach hinnehmen. Und das möchten wir nicht mehr." Langfristig müsse es das Ziel sein, Frauen von Anfang an mitzudenken, anstatt im Nachgang wie beim Schlafmittel Zolpedim die Dosis zu verändern. "Wenn etwas passiert, fällt es auf. Aber wir möchten vermeiden, dass etwas passiert und sich dafür im Vorfeld die Forschung ändert," so die Gendermedizinerin. "Unsere Generation und die nach uns dürfen selbstbewusst darum kämpfen. Es steht uns zu."

 
 

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