"Bikini-Medizin" und Wiederbelebung mit Brüsten
- Delna Antia-Tatić
- 17. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Die Notfallmedizinerin Julia Lorenz erklärt im femFATAL-Interview, warum Frauen nicht die gleichen Überlebenschancen im Notfall haben und was das mit Barbara Streisand und dem Bikini zu tun hat. „Würden Sie mich anders behandeln, wenn ich ein Mann wäre?“ Zu dieser Frage rät sie Patientinnen vermehrt.
Interview von Delna Antia-Tatić
femFATAL: Was haben Barbara Streisand, Aschenputtel und ein Bikini gemeinsam? Mit dieser Frage haben Sie auf Social Media für Aufsehen gesorgt. Ich würde gerne die Auflösung erfahren.
Barbara Streisand verkleidete sich im Filmklassiker Yentl als Mann, um als Frau Zugang zu Bildung zu erhalten – und genau dieses Bild prägte das sogenannte „Yentl-Syndrom“. In den 1990er-Jahren beschrieben Kardiolog:innen damit das Phänomen, dass Frauen bei einem Herzinfarkt medizinisch besser versorgt werden, wenn ihre Symptome dem männlichen Standardbild entsprechen. Dabei zeigen Frauen außer dem klassischen Brustschmerz häufig noch andere, weniger spezifische Symptome. Das Yentl-Syndrom soll veranschaulichen: Weibliche Patientinnen mussten symptomatisch häufig einem männlichen Idealbild ähneln, um ernst genommen und adäquat behandelt zu werden.
Und was hat es mit dem Bikini auf sich?
Die „Bikini-Medizin“ beschreibt die lange Praxis, in der sich medizinische Forschung bei Frauen im Wesentlichen auf Brust und Reproduktionsorgane beschränkte – also jene Körperbereiche, die ein Bikini bedeckt. Der restliche weibliche Körper wurde häufig als identisch zum männlichen angenommen. Besonders in der Kardiologie zeigt sich jedoch, dass sich die weibliche Anatomie unterscheidet: Frauen haben kleinere, stärker verzweigte Koronargefäße und eine andere Reaktionsweise des Gefäßsystems – was unter anderem das Risiko für sogenannte „nicht-obstruktive Myokardinfarkte“ (MINOCA) erhöht.

Und der Aschenputtel-Vergleich?
Er steht sinnbildlich für ein zentrales Problem der medizinischen Forschung: Den Versuch, Frauen in eine männlich definierte Passform zu zwängen – obwohl der „Schuh“ nicht passt. In präklinischen Studien werden nach wie vor überwiegend männliche Tiere eingesetzt, in klinischen Studien sind Frauen häufig unterrepräsentiert oder die Daten werden nicht geschlechterspezifisch ausgewertet. Die Folge: Viele Medikamente sind in Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungsprofil primär auf den männlichen Körper abgestimmt. Bei Frauen kann das zu verminderter Wirksamkeit, Überdosierung oder stärkeren Nebenwirkungen führen. Die Forschungslücke wirkt sich somit direkt auf die medizinische Versorgung aus.
„Yentl“ ist nun über 30 Jahre her. Haben bei einem medizinischen Notfall denn heute die Geschlechter die gleichen Überlebenschancen?
Leider nein. Studien legen nahe, dass Frauen bei einem Herzinfarkt nach wie vor seltener korrekt diagnostiziert und zeitgerecht behandelt werden. Auch die Reanimationswahrscheinlichkeit ist – insbesondere im öffentlichen Raum – niedriger. Es gibt Hinweise darauf, dass es mehr Hemmungen gibt, bei Frauen lebensrettende Maßnahmen wie der Herzdruckmassage zu unternehmen. Einfach wegen ihrer Brüste. Der Zugang zum Brustkorb erscheint durch Kleidung und Brüste vermeintlich erschwert, was Studien zufolge zu zögerlichem oder sogar unterlassenem Handeln von Laien führen kann. Verstärkt wird dieses Problem dadurch, dass in der medizinischen Aus- und Fortbildung nahezu ausschließlich an männlich codierten Reanimationspuppen trainiert wird – weibliche Anatomie bleibt dabei außen vor.
Machen denn Brüste einen Unterschied für den Erfolg einer Wiederbelebung?
Wenn eine Frau auf dem Rücken liegt, fallen ihre Brüste zur Seite. Egal ob große Brüste oder kleine – das macht bei fast allen Frauen keinen Unterschied. Also nein, Brüste beeinflussen nicht die Herzdruckmassage.
Auch abseits von „Dummys ohne Brüste“ haben Frauen oft das Gefühl, als Patient:innen nicht in die Parameter von Ärzt:innen zu passen.
Ja, das sogenannte medizinische Gaslighting ist ein Phänomen, das viele Frauen erleben – und das zunehmend auch wissenschaftlich belegt ist. Gemeint ist damit, dass Patientinnen das Gefühl vermittelt wird, ihre Beschwerden seien übertrieben, psychosomatisch oder eingebildet. Studien zeigen beispielsweise, dass Frauen bei vergleichbarer Schmerzangabe seltener Schmerzmittel erhalten als Männer – insbesondere in der Notfallversorgung. Ein weiteres Problemfeld ist auch die Versorgung nach Traumata. Hier zeigen Daten, dass Frauen bei gleichen Verletzungsmustern seltener als schwerverletzt eingestuft werden. Auch Hüftfrakturen, insbesondere bei älteren Frauen, werden häufiger übersehen oder erst verzögert diagnostiziert. Es fehlt im klinischen Alltag noch immer an Bewusstsein für geschlechterspezifische Unterschiede.
Sie arbeiten am Universitätsklinikum Frankfurt, wo es Spezialsprechstunden für Frauen mit Herzproblemen gibt. Was bewirkt sowas?
Es ist ja so: Auf die Frage nach der häufigsten Todesursache bei Frauen antworten die meisten mit „Brustkrebs“ – ein Bereich, für den über Jahrzehnte erfolgreich sensibilisiert wurde. Tatsächlich sind es jedoch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die für die meisten Todesfälle bei Frauen verantwortlich sind – auch deshalb, weil Symptome nicht erkannt oder fehlgedeutet werden. Genau hier setzt das Women’s Heart Health Center an, welches unter der Leitung meiner Kollegin Dr. Lena Seegers gegründet wurde. In der Spezialsprechstunde für Frauen mit kardiologischen Beschwerden werden gezielt geschlechtsspezifische Risikofaktoren erfasst – etwa hormonelle Einflüsse, Schwangerschaftskomplikationen, Autoimmunerkrankungen oder psychosoziale Belastungen. Dadurch können bei den Frauen Symptome früher erkannt, individueller eingeordnet und wirksamer behandelt werden. Viele Patientinnen berichten, dass sie sich in dieser spezialisierten Umgebung erstmals wirklich ernst genommen fühlen.
In Österreich wurden nun erstmals Behandlungsempfehlungen für Frauen mit Herzinfarkt ausgesprochen. Was bedeutet das konkret für Frauen?
Das ist ein bedeutender Meilenstein, der unter Leitung der MedUni Wien erreicht wurde. Denn diese Behandlungsempfehlungen adressieren unter anderem erstmals die höhere Blutungsneigung von Frauen bei Herzkatheterinterventionen, fordern eine individuellere Dosierung blutverdünnender Medikamente nach Körpergewicht und Nierenfunktion und empfehlen den Zugang über die Arterie am Handgelenk – um Komplikationen zu minimieren. Auch hormonelle Einflüsse wie Schwangerschaft, Menopause oder Zyklusstörungen werden erstmals systematisch berücksichtigt.
Und auf der anderen Seite: Was können denn Patient:innen tun, besonders Frauen?
Zunächst müssen wir alle uns bewusst machen: Frauen und Männer sind medizinisch unterschiedlich zu betrachten – und diese Unterschiede spiegeln sich nach wie vor in einer ungleichen Behandlung wider. Als Ärztin trage ich die Verantwortung, diese Verzerrungen zu erkennen und aktiv gegenzusteuern. Doch auch Patientinnen können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie gezielt nachfragen und so implizite Denkmuster hinterfragen – zum Beispiel mit dem Satz: „Würden Sie mich anders behandeln, wenn ich ein Mann wäre?“
ZUR PERSON Dr. med. Julia Lorenz ist Ärztin in Weiterbildung für Innere Medizin/Kardiologie und Notärztin am Universitätsklinikum Frankfurt. Sie engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA), unter anderem in der AG Frauen. Ihr Fokus liegt auf einer modernen, patient:innenzentrierten Notfallversorgung – mit besonderem Interesse für Gendersensibilität, interprofessionelle Zusammenarbeit und medizinische Bildung. |

