Hilft Künstliche Intelligenz der Gendermedizin?
- Sandra Gloning
- 15. Dez. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Künstliche Intelligenz könnte eine wichtige Entwicklung in der Gendermedizin sein. Doch sie ist nur so klug wie ihre Daten. Österreichs Gendermedizin-Pionierin Alexandra Kautzky-Willer gibt Einblicke in die Zukunft – und erzählt, wie alles anfing.
Interview von Sandra Gloning
Sie war die erste Professorin für Gendermedizin in Österreich: 2010 erhielt Alexandra Kautzky-Willer den ersten Lehrstuhl für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. Maßgeblich und unermüdlich trug die Pionierin dazu bei, das Thema wissenschaftlich und gesellschaftlich voranzubringen. 2016 wurde sie zur Wissenschaftlerin des Jahres gekürt. femFATAL hat bei ihr nachgefragt: Was hat sich denn seit dem Start in Österreich verändert – und was bringt die Zukunft?
femFATAL: Sie waren in Österreich eine der ersten Ärztinnen, die sich mit dem Thema Gendermedizin beschäftigt haben. Wie hat sich das ergeben?
Alexandra Kautzky-Willer: Meine Spezialisierung sind Stoffwechselerkrankungen, und ich habe vor vielen Jahren bemerkt, dass es kaum Untersuchungen und Informationen zum Thema Schwangerschaftsdiabetes gab. Das Thema wurde nicht ernst genommen. Durch unsere wissenschaftlichen Untersuchungen wurde klar, welche weitreichenden Folgen diese Erkrankung für Mutter und Kind haben kann. Wenn eine Frau Schwangerschaftsdiabetes hatte, hat sie auch später ein höheres Risiko, Diabetes Typ 2 oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen. Auch das Risiko der Kinder für Übergewicht und Stoffwechselstörungen ist später erhöht.

Und durch diese Forschung haben Sie gemerkt, wie vernachlässigt Gendermedizin ist?
Ja, das Thema entwickelte sich vor allem aus der Frauengesundheit heraus. Lange Zeit gab es in Bezug auf Frauen nur Forschung zu Schwangerschaft, Geburten und Brustkrebs. Dann wurde langsam klar, was alles nicht untersucht war und wo es Unterschiede gibt, die tödlich enden konnten. Bei Gendermedizin geht es nicht nur um Frauen. Auch bei Männern gibt es blinde Flecken. Denn der Durchschnittsmann ist 1,80 Meter groß und weiß. Ethnische Hintergründe, sozioökonomische Einflüsse oder Gewichtsklassen wurden nicht ausreichend untersucht. Ziel der Gendermedizin ist es, dass jede Person die Hilfe und Medizin bekommt, die sie braucht. Die blinden Flecken und Unterschiede zum Durchschnittsmann sind bei Frauen natürlich trotzdem größer. Denn dazu kommen unterschiedliche Lebensphasen, ein Zyklus und unterschiedliche hormonelle und körperliche Veränderungen.
Wird das Thema heute ernst genommen oder noch belächelt?
Nein, es wird heute sehr ernst genommen, und es gibt viele Fachsymposien, Podien und Publikationen rund um das Thema. Das bedeutet aber nicht, dass es gänzlich in der Praxis angekommen ist. Dafür müssen wir noch viel mehr Daten haben, und in jede medizinische Leitlinie gehört ein Absatz, was in Bezug auf Gendermedizin zu beachten ist. Es passiert viel, aber in vielen Bereichen brauchen wir noch mehr Zeit. Wir müssen einerseits die Genderfrage bei alten Daten nachholen, aber gleichzeitig Zeit und Geld in neue Forschung investieren. Es ist ein träges System, obwohl Frauen bereits seit 124 Jahren selbst Medizin studieren dürfen.
Das kostet wohl nicht nur Zeit, sondern auch Geld?
Ja, besonders bei der Forschung von Medikamenten. Da ist es besonders wichtig, dass die Genderfrage mitgedacht wird. Je mehr Frauen in der Branche in Schlüssel- und Führungspositionen sind, umso mehr können sie beitragen. Und es ist nicht so, dass es nur Kosten verursacht. Wir wissen, dass es die Wirtschaftsleistung und das Bruttoinlandsprodukt steigert, wenn Frauen besser behandelt werden, weniger Arztkontakte haben, weniger beruflich ausfallen und länger gesund leben.
Wie können dabei technische Entwicklungen, wie beispielsweise Künstliche Intelligenz, helfen?
Wir haben technisch große Fortschritte gemacht, und diese können gerade Bereiche wie Radiologie oder Dermatologie verbessern. Was dabei aber wichtig ist, aus der Sicht der Gendermedizin: Die Künstliche Intelligenz ist nur so gut, wie sie trainiert wurde. Wenn dabei erneut die Daten von Frauen fehlen, wird sich hier nichts verbessern. Deshalb hier die wichtige Ermahnung: Es muss überprüft werden, ob die Datensätze in der Schulung auch Frauen beinhalten.
Zur Person Alexandra Kautzky-Willer ist eine österreichische Fachärztin für Innere Medizin, Wissenschaftlerin und Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. Sie ist Pionierin in ihrem Fachgebiet und hatte die erste Gendermedizin-Professur in Österreich. Kautzky-Willer setzt sich dafür ein, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin zu erforschen und stärker in Diagnose, Therapie und Prävention einzubinden. Ein zentrales Thema ihrer Arbeit ist der Einfluss von Geschlecht und Hormonen auf die Entwicklung und Behandlung von Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen. |

