"Ach, Sie sind doch bestimmt nur schwanger!"
- Sandra Gloning
- 15. Dez. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Dez. 2024
Obwohl sie den Ärzt:innen beteuert, noch Jungfrau zu sein, bekam femFATAL-Kolumnistin die Pille verschrieben und musste einen Schwangerschaftstest nach dem anderen machen. Dabei lag der Grund ihres ständigen Erbrechens woanders.
Kolumne von Sandra Gloning
Ich war 18 Jahre alt, als ich mich plötzlich ständig übergeben musste. Während dem Autofahren, während einer Party, während der Musikprobe. Das war einerseits unpraktisch, aber vor allem war es beunruhigend. Schließlich war ich jung und eigentlich gesund. Von meinem Hausarzt wurde ich ins Krankenhaus verwiesen. Und weil ich nun einmal eine Frau bin, bei der etwas im Bauchraum nicht passte, direkt weiter auf die Gynäkologische Abteilung.
"Sind Sie schwanger?", wollte der Arzt dort von mir wissen. Ich verneinte. Mein erstes Mal sollte ich erst ein Jahr später haben. Ich bin eine Spätzünderin. Doch der Arzt schaute mich nur unberührt von meiner Verneinung an und ordnete einen Schwangerschaftstest an. "Vielleicht hattest du auf einer Party betrunken Sex und kannst dich einfach nicht erinnern", war seine Erklärung. Das war der Moment, als ich aufhörte über den angeordneten Test zu diskutieren. Zu baff, wie wenig ernst ich genommen wurden. Weitere Untersuchungen machte er nicht. Als der Test negativ war, verschrieb er mir die Pille und schickte mich heim.

Da war ich nun, ohne Lösung für meine Beschwerden, aber mit Pillenrezept – und mit Angst: Jede Diagnose wäre besser als keine Diagnose. Ganze zwei Jahre dauerte es von da an, bis mir endlich eine Ärztin sagen konnte, was mit mir nicht stimmte: Histaminintoleranz. Eigentlich keine große Sache, aber vor über einem Jahrzehnt noch nicht so gängig. Der Weg zu meiner Diagnose involvierte eine Magenspiegelung, eine Darmspiegelung, eine Bauchspiegelung und viele, viele Schwangerschaftsteste. Denn der erste Arzt blieb nicht der Einzige, der auf diese einfache Lösung bestand.
Was ich erlebt habe, ist leider kein Einzelfall. Eine dänische Studie aus dem Jahr 2019 zeigt, dass Frauen bei den gleichen Krankheiten wie Männer oft deutlich später diagnostiziert werden. Geht es um eine Stoffwechselerkrankung, so dauert es sogar rund 4,5 Jahre länger. Studienautor Søren Brunak von der Universität von Kopenhagen erklärte dem internationalen Medium Reuters Health dazu: "Es überrascht uns auch deshalb, weil Männer oft viel später zum Arzt gehen. Dahingehend ist die Zeitdifferenz eigentlich noch länger."
Als ich das Stichwort Gendermedizin das erste Mal hörte, dachte ich sofort an meine Geschichte. Und seither immer wieder. Vor allem, seitdem ich für femFATAL recherchiere. Denn all das hat System. Jeder jungfräuliche Schwangerschaftstest bestätigte, dass ich als Frau nicht ernstgenommen wurde. Das tat mir nicht nur weh, es machte mich auch wütend. Kennst du diese Wut? Willkommen im Club!
Quellen: Population-wide analysis of differences in disease progression patterns in men and women, Universität Kopenhagen, Søren Brunak. |

